Ein etwas anderer Tag

Heute ist der Tag bzw. die Nacht, in der meine Mutter starb – vor 54 Jahren – und am gleichen Tag heute vor 6 Jahren fiel ich vom Baum und hatte diesen schweren Unfall.

Schon seltsam, dass mir dieses Datum immer noch so präsent ist, jedes Jahr aufs neue. Irgendwie greift sie – meine Mutter – immer noch nach mir. Aber heute, als mir bewusst war, dass dieser Jahrestag nun wiederkehrt, sprach ich innerlich mit mir, beruhigend und nicht gewillt – durch diesen Tag sich zu verwickeln mit der Vergangenheit. Als ich vom Baum fiel und mir sozusagen, das Rückgrad brach, wurde mir erst lange danach bewusst, dass es der Todestag meiner Mutter war, als es geschah.

Die folgenden Jahre – waren wechselnd – manchmal erinnerte ich mich an diesem Tag und manchmal erst wurde ich durch einen „komischen“ Tag (depressiv, kleinere Unglücke…) an diesen Tag erinnert. Aber eine Art Damokles-Schwert schwebte immer über mir, in irgendeiner Form – egal ob ich mich erst später an diesen Tag im Rückblick erinnerte oder er mir präsent war.

Es ist komisch, dass ausgerechnet meine Mutter an ihrem Todestag immer  irgendwie erscheint – wo ich doch immer sagte (und immer noch sage), dass sie die letzte ist, der ich im Jenseits nochmal begegnen möchte. Das klingt nicht gerade nach guter Aufarbeitung, wenngleich ich ihr doch vom Kopf her längst vergeben habe, seit ich begriffen habe, dass sie selbst eine gequälte Seele war, die nur weitergegeben hat. Mein Herz hat ihr so scheint es mir – immer noch nicht vergeben. Ich fühle keinen Hass oder ähnliches – es fühlt sich eher an wie Gleichgültigkeit, oder Desinteresse, wie etwas Lästiges, das man abschütteln will. Und doch ist da wie mir scheint noch irgendein Band, das ich nicht durchtrennen kann.

Immerhin fiel es mir heute rechtzeitig ein, und ich saß in der S-Bahn auf den Weg in meinen Kurs in der Akademie und sprach innerlich mit ihr: „Nein, es ist für mich ein ganz normaler Tag. Es geschehen heute keine Katastrophen, ich stürze nicht, ich falle nicht, es wird alles gut sein, Du hast keine Macht mehr über mich. Dein Leben hat so gut  wie nichts mehr mit mir zu tun – also, wenn Du noch nach mir greifst, so lass das endlich. Du bist dort und ich bin hier, ich gestalte jetzt mein Leben selbst, ich suche mir Menschen aus, die mir gut tun und lasse solche, die einen negativen Einfluss auf mich haben, hinter mir. Du warst so ein letzterer Mensch Mutter vor langer Zeit, damals konnte ich dir nicht entrinnen, heute bin ich selbstwirksam und mache meine eigenen Fehler. Du hast keine Macht mehr über mich, also lass endlich los. Kümmere dich um dein eigenes Seelenheil, auf dass Du weiterwachsen und mehr verstehen kannst. Adjeu!“

Das Lustige war, dass ich mit der Bahn grad in den Kurs fuhr, der ausgerechnet heute das Thema Humor und Ironie hatte. Ich hatte gestern bereits einige sinnige Zitate von bekannten Leuten zu diesem Thema rausgesucht und einige Witze der makabren Art (die liebe ich besonders). Und es wurde auch eine fröhliche Runde und wir haben kräftig und von Herzen über all die gesammelten Witze von jedem gelacht.

Danach saßen einige von uns noch zusammen und sprachen auch über tiefere Themen und jetzt sitze ich hier und auch dieser Tag scheint im Rückblick nun ganz ohne große Dramen.

2 Gedanken zu “Ein etwas anderer Tag

  1. Liebe Melinas
    Dass einem da solche Gedanken kommen, kann ich mir wirklich gut vorstellen.
    Mir würden da vermutlich die schönsten Panikattacken auf den Kopf fallen, die ich mir dann nur deshalb vom Leibe halten könnte, weil ich weiss, dass Tote keine Macht über Lebende haben. Davon leben nur die Regisseure von Horrorfilmen.
    Was Eltern angeht, speziell die Mutter, so ist das wohl eine ganz besondere Beziehung, die Gott wohl den Menschen ins Herz gesetzt hat.
    Vom Kopf her kann man verzeihen, weil der Kopf, also der Verstand ja die Basis der Selbsterhaltung ist.
    Doch das Herz, so fürchte ich, wird diesen Schmerz nie vergessen können, wenn man gerade von diesem Menschen als Kind misshandelt wurde.
    Doch ich meine, dass es schon sehr viel ist, wenn er sich „nur noch“ in der Form einem lästigen Gefühl meldet, Dich jedoch nicht mehr voll im Griff hat.
    Doch man redet viel leichter, als es letztlich dann doch ist, denn diese vielen „lästigen Gefühle“ waren es, die mich in den Alkoholismus trieben, weil ich immer wieder meinte, dass ich das einfach nicht aushalten „möchte“.
    Aushalten können wäre kein Thema gewesen, weiss ich jetzt – doch das Selbstmitleid schob dem viele Jahre lang einen Riegel vor, weil es mir vorgaukelte, nur das Beste für mich zu wollen. Quasi: „komm trink ein Gläschen, Du armes kleines Wichtlein, dann fühlt sich gleich alles wunderbar warm an, und du fühlst dich geborgen“
    Ja, Schnecken!! Doch das weiss ich noch nicht lange, dass man wirkliche Geborgenheit in sich selbst nur fühlt, wenn man Herr seiner Selbst ist – und das heisst Disziplin.
    Puhhh – jetzt habe ich mich aber wieder ausgekotzt, was Melinas?

    Ein schönes Wochenende Dir mit viel Wärme und Geborgenheit im Herzen ❤

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    • Da ist viel Wahres dran – und es gefällt mir, dass Du es so siehst, „dass es schon ganz viel ist, dass es sich bei mir NUR noch als lästiges Gefühl zeigt und ich nicht mehr Unfälle bauen muss an solchen Tagen oder ähnliches. Man könnte es auch anders uminterpretieren, wie eine Freundin von mir heute sagte: „vielleicht will sie Dich ja bei sich haben“ – das ist gut möglich, denn ich glaube daran, dass man, wenn man drüben ist ein ‚erweitertes Bewusstsein‘ hat und nun weiß, dass und wie sie mir und meiner Schwester geschadet hat, und es gerne wieder gut machen will.
      Und zu Dir – da bist Du nicht allein, dass man versucht die unangenehmen belastenden Dinge mit allen Möglichem zur Seite zu schieben. Aber ich bin überzeugt, dass nur sich all dem stellen – zu unserem wahren Ich führt. Aber da bist Du ja jetzt auch schon bei solchen Erkenntnissen, wie ich auf Deinem Blog zu erkennen scheine.

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