Aufmerksamkeitsspanne

Bei den Texten von Eckart Tolle z.Bsp. muss man sich schon eine Weile konzentrieren können. Angeblich – hab ich mal irgendwo gelesen – können das Leute mit der Diagnose DIS-und Co. nicht. Ich habe zwar die Diagnose bekommen, aber ich habe keine Probleme mit bewusstseinserweiternden Texten – im Gegenteil. Es fasziniert mich total, wie viel mir jetzt möglich ist zu verstehen und in Beziehung zu setzen, was damals als ich noch versuchte mit Therapeuten meinen Weg zu gehen, damit es mir besser geht – mir nie möglich war (wahrscheinlich, weil es mir so schlecht ging und ich nur noch mit überleben beschäftigt war).

Damals als ich mein Heil nur auf die Therapie und Hilfen von sog. Fachleuten aus dem Psy-Wesen setzte, war meine Welt tatsächlich sehr klein – klitzeklein. Ich las ständig in Therapie-Büchern verschiedenster Richtungen, versuchte mich und mein Traumageschehen dort einzuordnen, las die ganzen Blogbeiträge, wo es immer nur um die Vergangenheit ging und was ihnen damals geschah. Ich lebte wie mit Scheuklappen und konnte links und rechts nichts anderes mehr sehen (und auch suchen) als die ‚richtige‘ Therapie zu finden. Lebte meistens in der Vergangenheit. Meine Ressourcen waren in den versuchten und gescheiterten Therapien nie Thema. Mein Aliengefühl in dieser Welt verstärkte sich immer mehr.

Heute würde ich sogar sagen, dass diese Diagnose mich sehr weit von mir und meinem wahren Selbst entfernt hat. Es ging immer nur um die Vergangenheit, aber ich bin und war doch nie NUR das Produkt meiner Vergangenheit – ich bin die Summe meiner Erfahrungen, Kenntnisse und meinem Willen zur Veränderung anders zu leben u.v.m., und nicht nur um immer in den vergangenen Welten und alten Schmerzen zu wühlen.

Ich habe soviel gelernt dadurch, dass ich die Vergangenheit hinter mir gelassen habe, mich bewusst von den Inhalten der damaligen Zeit abgewendet habe und sie jetzt nicht mehr so wichtig finde – ich wollte wissen, was mich damals (Jahrzehnte) in einem hilflosen Zustand festnagelte. Es ist durchaus wichtig die Vergangenheit im Rückblick und die Kontexte zu beleuchten, zu vergleichen mit der jetzigen Zeit, den jetzigen Möglichkeiten, den Lerninhalten, die ich mir zusammengesucht habe, von erfahreneren Menschen gelernt habe, mich geöffnet habe für die Texte weiserer Menschen, anders zu sehen und mehr zu begreifen. Ich musste einfach nur eine totale Entscheidung treffen und für möglich halten, dass es auch für mich einen Weg gibt – jenseits von Therapien.

So viele Jahre wären für mich weniger schmerzhaft, hilflos, ausweglos verlaufen, wenn ich von vorne herein nicht geglaubt hätte, dass NUR eine Therapie mich aus meinem Elend befreien könnte. Es ist erschreckend wie viel wertvolle Lebenszeit mir dadurch verloren gegangen ist, und die Einseitigkeit, Engstirnigkeit, Verbohrtheit und Dummheit von damals kann ich mir kaum verzeihen, doch ich versuche es tapfer und ich bin dankbar, dass ich es grade noch geschafft habe, nicht auch noch die letzten Jahre wegzuwerfen.

Warum leiden schöner ist….

Lieber Gott, wie lange muss ich noch leiden?“
Gott antwortete: „Solange du glaubst, es zu müssen.“

Den grünen Text habe ich im Blog (unten) von Mischa gelesen – bei meiner Recherche zum Thema Leid, die Sonrisa mit der Frage aufgeworfen hat: Wann wird aus Emotionen Leid? Dort habe ich auch einiges hinterlassen zum Thema Leid – bzw. kommentiert.

https://www.mischa-miltenberger.de/warum-leiden-schoener-ist-als-veraenderung/

DIE ENTSCHEIDUNG LIEGT BEI DIR

Du hast immer die Wahl und kannst dich immer dazu entscheiden, ob du leiden willst oder nicht.

  1. Du kannst die Situation verlassen
  2. Du kannst die Situation verändern
  3. Oder du kannst die Situation akzeptieren

Es kommt nicht darauf an, was dir widerfährt,
sondern wie du damit umgehst, was dir widerfährt,
denn nicht die Erfahrungen machen die Menschen,
sondern die Menschen machen sich selbst.

Wenn du das erkennst, übernimmst du Verantwortung für dein Leben. Und nur, wenn du die übernimmst, wirst du dem Leiden entkommen.

Ich weiß, dass das schwer ist und viel leichter gesagt, als getan. Aber eine Opferrolle anzunehmen und sich hilflos dem Leiden auszuliefern, weil alles andere Anstrengung bedeuten würde, ist nicht Sinn des Lebens. Du sollst glücklich sein. Also gehe auf die Suche nach der Ursache und löse das Leiden auf. Du bist fähig dazu. Du hast die Kraft dazu und keiner, außer dir, kann das für dich übernehmen.“

Als ich 2008 anfing meine Geschichten zu schreiben und diese Geschichten mir verrieten, mir Hinweise gaben, zu dem was ich als Kind erlebt hatte und merkte, dass Gefühltes in mir damals für mich gar nicht vorhanden war – fühlte ich es beim Schreiben und Lesen meiner Geschichten erst – das Leid, die Atmosphäre in der ich damals leben musste, die Verletzungen meiner Seele…. erst da. Seltsam! Es war mir nicht bewusst – ich war beschäftigt mit überleben.

Meine verletzten Gefühle verlagerte ich auf unsere vielen Haustiere, die geschlagen, gequält und vernachlässigt wurden, so brauchte ich meine nicht zu fühlen.

Die Tatsache, dass ich ein von meiner Mutter gehasstes Kind war, das den Teufel im Leib trug und deshalb täglich geschlagen werden musste, damit es gut wurde – berührte mich nicht, weil ich den Körperschmerz wunderbar abspalten konnte, mich auch körperlich gefühllos machen gelernt hatte. Und ich lebte nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Meine Gewissheit war, ich bin schlecht und es gab nichts was ich tun konnte um das zu ändern. Ich war frei! Ich konnte tun was ich wollte und ich tat es auch. Mein Zuhause war nicht das Haus, in dem ich lebte, sondern die Natur und die war heile. Für die erhob sich dort nicht die Frage ob ich schlecht war oder gut – ich war einfach nur. Ich fühlte mich nicht als Opfer. Vermutlich ist das der Grund für mein Selbstwirksamkeitsbestreben. [Erst mit meinen Therapien begann ich langsam zu reflektieren und bewusster zu werden – zu merken – wie schlimm es war, so aufzuwachsen. Und damit fing das Leid an.]

Ich war als Kind aber so klug, dass ich begriff, dass ich nur am Leben bleiben konnte, wenn ich Essen und Kleidung bekam, also musste ich in dieses Haus immer wieder zurück, floh aber jede freie Minute.

Kinder, um die sich niemand kümmert, die machen was sie wollen – werden normalerweise nicht so wie ich (in der Zeit als Erzieherin habe ich das später sehr genau gesehen) meist waren die Kinder schwer zu erziehen und wurden gewalttätig und später kriminell. Warum war das nicht meine ‚Karriere‘?

So schlecht die kath. Erziehung von der Schule und Kirche her auch war, sie hinterließ doch irgendwie auch positive Spuren. Und mein prägenster Glaubensatz: Ich bin hier um das Leid zu tilgen – war nicht nur die Aussage, dass ich als kleines Kind keine Erklärung für das viele Leid hatte, das ich zwar abgespalten hatte – aber doch auch erlebte und die Identifizierung mit dem Leid der Tiere – hat mich einen Sinn für mein Dasein finden lassen in den Religionslehren.

Die Auslagerung meines Leids, auf die Tiere mit denen ich täglich zu tun hatte, hat mir mein Mitgefühl gerettet und die heile Natur ebenso, mir eine wahre Welt gezeigt, mit der ich mich verbunden hatte.

Dass ich als Jugendliche oft nahe dran war, abzustürzen, z.B. in die Drogenwelt, mich aber immer wieder heraus schälte und immer wieder wohlwollende Menschen traf, nach dem Tod meiner Mutter (ich denke da an die erste Therapeutin, die ich mit 17 hatte, die mich aber doch mit ihrer lieben Art ganz sanft – mich im Spiel (wir spielten lange Zeit nur mit dem Psycho-Szenokasten) zu einem denkenden, fühlenden Wesen lenkte, war mein Glück. Es war also vom Schicksal gut gelenkt – denn wäre meine Mutter nicht gestorben, als ich 14 Jahre war – wer weiß – was dann aus mir geworden wäre. Im Grunde ist meine Mutter für mich letztlich gestorben.

 

Aufräumarbeiten

Mir wird immer klarer warum ich Therapie der klassischen Art immer mehr ablehne. Sie macht hilflos, stellt falsche Weichen, vermittelt uns Hoffnung in eine Richtung, die für Selbstwirksamkeit eher kontraindiziert ist. Es müsste uns Mut vermittelt werden, Neues auszuprobieren, alte Gleise zu verlassen, an uns selbst zu glauben, unseren Selbstwert zu steigern, statt uns selbst immer kleiner zu machen, damit wir endlich Mitgefühl bekommen von einer bezahlten Kraft, die uns dieses schenkt.

Eine meiner Innens habe ich durch MEIN Mitgefühl erlöst, durch mein Verständnis durch meine Annahme dieses gequälten Wesens. Die damalige Therapeutin begriff nichts und ich war auch gar nicht fähig – all dieses Sein meines Innenkindes – damals zu vermitteln. Aber ich spürte es äußerst deutlich – sein Leid, seine Angst, seine Verzweiflung. Das war der Schlüssel: mein Verständnis, meine Annahme, meine intensive Beachtung und Zuwendung haben diese 6 Jährige damals befreit.

Hätte ich dieses Innenkind in der Therapiesitzung kennengelernt, (sie kam stattdessen zwischen Tag und Traum in vielen schlafgestörten Nächten) hätte ich wahrscheinlich geglaubt, dass die Therapeutin es retten müsste und es ihr überlassen es zu heilen. Das wäre eine große Enttäuschung geworden, denn ein Aussenstehender kann – selbst wenn man es vermitteln könnte – nicht das leisten, was ich an Verständnis und Mitgefühl dem Kind schenken konnte. Die Lösung lag darin, dass NUR ICH diese Arbeit leisten konnte.

Auch wenn ich oft davon las, dass die Täter doch endlich zugeben und Verständnis aufbringen müssten, dann käme die Erlösung, ich glaube das nicht und es geschieht ohnehin fast nie – höchstens noch auf dem Sterbebett des Täters.

Doch gibt es scheinbar vereinzelt DISler, die von Therapie profitieren konnten und sie vielleicht sogar lebensrettend war. So ganz habe ich noch nicht kapiert, warum es bei denen geklappt hat. Und das wirft natürlich auch die Frage auf: um welchen Preis. (Damit meine ich – ob es im Verhältnis steht – Jahrzehnte Therapie zu machen?)

Lag es nur an wirklich guten Therapeuten, die Spezialisten für das Thema DIS waren? Lag es daran, dass diese Therapeuten den Klienten eben Jahrzehnte Therapie Zeit ließen? Oder lag es daran, dass sie besonders mitfühlend waren? Oder lag es vielleicht daran, dass sie ihre Klienten sehr herausforderten schnell (?) und intensiv zu arbeiten. Lag es daran, dass sie diesen Vor-und Zurück-Tanz nicht jahrelang mitmachten? Oder lag es an den Klienten, dass die die es schafften nicht so stark geschädigt waren? Oder waren diese besonders geschädigt und hatten durch ihr vermehrtes Leid auch eine größere Motivation gesund zu werden? Oder lag es nur an der Chemie zwischen Therapeut und Klient. Da sind noch viele Fragen offen – auch die, ob nur die mit dieser Diagnose im Blog schreiben, die noch keine adäquate Hilfe in der Therapie erhalten haben. Man hört so wenig bis gar nichts von DISlern, die es geschafft haben durch Therapie. Hören die dann einfach auf zu berichten, weil der Drang sich mitzuteilen dann erloschen ist, wenn sie „durch“ sind? Und was ist mit denen, die zur gleichen Zeit wie ich hier geschrieben haben und im Teufelskreis des Leidens steckten und jetzt hört man gar nichts mehr von ihnen. Haben sie aufgegeben? Vielleicht haben sie jetzt einen Ausgang gefunden, oder wirksame Therapie oder vielleicht sind sie tot ? Solche Fragen beschäftigen mich.

Als ich die Entscheidung traf ohne Therapie mein Leben weiter zu leben, hätte ich auch nicht mehr auf dem bisherigen Blog (MelinasBlog) DIS-Blog weiterschreiben können/ wollen. Ich wollte aber auch über den neuen Weg berichten, weil Schreiben für mich ein sehr gutes Medium ist und so verschwand ich nicht einfach, sondern verabschiedete mich und betrat einen anderen Weg der Weiterentwicklung und gründete diesen neuen Blog.

 

 

Anders als gedacht….

Bei Sophie0816 (grade bemerke ich zum ersten Mal die Bedeutung dieser Bezeichnung) habe ich vor kurzem einen Satz gelesen, der mich sehr berührt hat:

Alles die Veränderung betreffend wahrzunehmen, das meine Möglichkeiten ganz woanders liegen, als ich dachte. Das mein Leben ein anderes ist als ich dachte. Das alles was ich dachte zu wollen und zu müssen und zu brauchen, nicht wahr ist.“

Ja, als ich dachte – so ist es bei mir auch gewesen…. Ich hatte einen Weg vorgedacht, der mich in die Irre führte und jetzt, nach meiner Entscheidung, diesen Weg zu verlassen, die bekannten Gedanken und Wege ernsthaft zu verlassen und mich konzentriert daran gemacht habe, das Neue einzulassen – ist beinahe sowas wie ein Glücksgefühl bei mir eingekehrt – eine Faszination bezüglich meiner neuen Möglichkeiten, die ich mir vorher nicht mal vorstellen konnte. Und es ist so leicht (wenngleich auch schwer, die alten Muster nicht wieder einhaken zu lassen) und spannend, all die kleinen notwendigen Schritte zu gehen und sie einzulassen in meine Seele.

Nein, ich will keinen falschen Eindruck erwecken, mit leicht meine ich, dass wenn man diese neuen Schritte und Wege geht – im vollen Bewusstsein, dass es so viel leichter ist sie zu gehen, als die Schmerzenswege von früher in den ewigen Wiederholungen.

Gleichwohl weiß ich, dass es diese „Schmerzenszeiten“ irgendwie nochmal brauchte – dass diese mich letztlich zum betreten neuer Wege brachten – wir hatten es einfach satt zu leiden, zu leiden, zu leiden….. Wir sind immer schon gut im leiden gewesen, hatten eine enorme ‚Leidensertragsfähigkeit‘ – hm, halt gewohnt und in der Kindheit gelernt – gründlich.

Und um den Weg zu gehen, den ich jetzt vorwärts gehe – in meinem Tempo – habe ich alles genutzt, was mir begegnet ist, Menschen und ihre Aussagen, Methoden wie Selfeggio-Frequenzen,  (wer weiß ob diese nicht unmerklich den Weg für mehr Öffnung bereitet haben) EFT, Gespräche, kluge Blogbeiträge, Spirituelles, Vorträge von Menschen, die auf dem spirituellem Weg sind, Glaubenssätze-Arbeit, Hermetik – Gesetze des Lebens, meinen Mut benutzt, Umschreibgeschichten, Rückblick gehalten, Achtsamkeit geübt, Systemische Aufstellungen…. u.v.m. Ich habe so viel Hilfreiches gefunden, mich dafür geöffnet, und habe nicht mehr nur in eine Richtung gestarrt und meine Komfort-Zone verlassen.

Ich danke meinem gesamten System für diese Zusammenarbeit!

 

 

Es spielt keine Rolle mehr…. Rückschau

Manchmal ist es nötig anzuhalten und zurück zu schauen, um seine Fortschritte genauer in den Blick zu nehmen, sie auch zu bemerken.

Komisch… vor fast 6 Jahren erhielt ich damals die Diagnose DIS und weiß dass ich Viele bin. Das hat mich/uns ganz schön durcheinandergewirbelt. Sich so zu erkennen, sich so zu betrachten war neu, aber durchaus auch hilfreich und erleichternd. Denn vieles erklärte sich damals z.B., dass ich nicht verrückt bin, nur eben, dass ich welche in mir hatte, die so reagierten, dass sie irgendwie nicht zu mir passten, nicht meine Art waren und unverständlich waren – für einige in mir und wir Erklärungsnot hatten, sogar vor uns selbst.

Nach der Diagnose lernten wir erst mal uns ‚auseinanderzudividieren‘, wir lernten uns kennen – besser, aber auch verwirrender und verglichen uns mit anderen mit dieser Diagnose im alten Blog (MelinasSchreibfamilie) mit anderen mit dieser Diagnose, und in der Literatur, die sich mit diesem Thema beschäftigte. Und als wir uns getrennt beäugten lernten wir viel, auch über die Gründe unseres ‚Soseins‘. Es waren so viele Informationen, die plötzlich über uns hereinbrachen, die wir nicht mehr sofort verarbeiten konnten.

Erst war da die Phase, des Vergleichens, in der wir vieles fanden in anderen Schilderungen- aber mindestens ebenso vielem, wo wir unterschiedlich waren. Sehr verwirrend. Unsere Suche nach der Wahrheit, nach unserer wahren Identität in diesem Wirrwarr, brachte uns in durcheinanderbringende Zustände. UND ERST MAL WURDE ALLES – WIRKLICH ALLES SCHLIMMER. Wir wurden Spielball unserer Gedanken, undefinierbaren Gefühlen – Ängsten und Befürchtungen, aber auch Hoffnungen. Wir erlebten eine diesmal (nicht wie in der Kindheit) bewusstere Art von Vergangenheit. Sie rückte so nah, dass wir uns total in ihr verloren und auch in der Hoffnung eines Kindes, doch endlich das zu erhalten, was wir uns ersehnten und als Kind gebraucht hätten und es trotzdem damals nicht zu denken und zu fühlen erlaubt war, weil uns diese immer wieder enttäuschte Hoffnung sonst getötet hätte. Denn sie hatte sich nie erfüllt – nicht erfüllen können mit diesen „Eltern“ – in diesen damaligen Umständen in der Kindheit. Damals wurden wir zu einem Tierchen, das keine Gefühle hatte und kein Denken – wir lebten absolut im Jetzt – ohne Reflexion und ohne einen Blick auf Zukünftiges werfen zu können. Wir lebten in einer Art Stillstand und konnten nicht wachsen und uns entwickeln.

Mit 17 erwachten wir zum ersten Mal zum Denken. Das mag spät sein, aber es rettete uns das Leben und gleichzeitig fingen damals so richtig die ‚Sterbenwollen-Zustände‘ an. Wir versuchten uns in immer kürzeren Zuständen umzubringen. Dieses Erwachen war einfach zu schwer.

Das zweite Erwachen war als ich mich in den Vater meines zukünftigen Kindes verliebte, niemals zuvor, hatte ich mich derart in eine Beziehung eingelassen. Ich spürte deutlich, dass er MEIN Seelengefährte war und ich seine. Aber die Umstände waren sehr unglücklich – Kontinente trennten uns die letzten 37 Jahre. Aber wir hielten über die Jahrzehnte den Kontakt und jedesmal, wenn er zu Besuch kommt – oft nach Jahren Stille – ist es als wäre er gerade von der Arbeit heimgekommen – so vertraut sind wir uns.

Wir haben uns jedesmal wenn wir wieder mal Abschied nahmen gesagt, dass wir das nächste Mal – im nächsten Leben – ein besseres Timing brauchen. Aber unser Wunschkind verbindet uns für alle Zeit. Und meine Tochter alleine groß zu ziehen, beschleunigte mein 2. Erwachen enorm.

Das dritte Erwachen war die Diagnose – nachdem unser schlimmer Unfall, alles zu Tage brachte, was wir energieraubend immer unter der Bewusstseinsgrenze hielten. Dieses erwachte Grauen hielt uns lange in der Hilflosigkeit, wo wir dachten, wir könnten nur noch existieren, wenn wir von Außen Hilfe bekämen, durch Therapie. Wider besseres Wissen!  (weil wir ja in den jungen Erwachsenenjahren schon so viel von jener – alles schlimmer machenden „therapeutischen Medizin“ erhalten hatten, die wir deshalb jahrzehntelang bereits als unwirksam eingeschätzte Hilfe abgeschafft hatten). Das Kindheitsgefühl von Hilflosigkeit, die Sehnsucht danach (die wohl jedes Kind in sich trägt), dass Eltern es lieben, ihm das geben was Kinder zum Leben brauchen – erwachte von Neuem, wie schon in den jungen Erwachsenenjahren, in denen wir auch wieder und wieder enttäuscht wurden, und die nötige Hilfe ausblieb um das Elend in uns zu beseitigen.

Wieder landeten wir in der alten Schreckenskindheit ohne wirkliche Hilfe zu bekommen. Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung….. Solche alten Wunden heilen nicht durch Wiederholung und Wiederbelebung der damaligen Gefühle! Sie heilen nicht durch das wiedererwachende Gefühl zu spüren (durch flashbacks und Fühlen was damals geschah, ebenso wenig wie das bewusste Durchleiden der damals für ein Kind nicht lebbaren Verhältnisse – ohne Liebe, ohne Hilfe, ohne Verständnis aufzuwachsen und sogar noch Objekt des Hasses zu sein) – nein – es heilt durch das Begreifen, dass das Damals nicht ‚wiedergutgemacht‘ werden kann, indem wir es noch einmal erleben, durchleben. Aber es war vielleicht notwendig, um zu lernen die Vergangenheit zu akzeptieren und sich dann zu verabschieden von ihr – für immer – endgültig – sie loszulassen und die Lehren daraus mitzunehmen, in den Rest des noch verbleibenden Lebens.

Wenn ich ab und zu einen alten Beitrag aus Melinas Schreibfamilie Blog lese, wird mir bewusst, wie sehr ich mich verlaufen – und verloren hatte, in einer illusionären Wunschwelt nach „Wiedergutmachung“ – nach Heilung – dieser alten Wunden. Ich habe die Sehnsucht gefüttert, dass meine Kindheit – und die ganzen Schäden daraus – ungeschehen gemacht werden könnten, dass mein Leben ohne diese Altlasten viel besser verlaufen könnte, dass durch späte Hilfe (von Außen) ein Reset erfolgen könnte.

Dies hier ist mein einziges Leben (hier auf dieser Erde) und ich habe es intensiv gelebt und all meine Kraft eingesetzt, die mir zur Verfügung stand und ich habe am Ende gelernt, dass alles so ist wie es ist und dass wir nur die Macht haben es zu akzeptieren und daraus zu lernen, was uns diese Lektion lehren kann.

Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir erkennen, dass wir eigentlich (wenn wir höher entwickelt wären, weiter und klüger vielleicht auch) ebenso gut nichts tun hätten können, denn es käme auf dasselbe heraus. Unser Lehrprogramm war uns zu erforschen wer wir wirklich sind und zu erkennen, dass wir das schon immer waren.

Mir fällt da gerade wieder eine Metaphergeschichte ein:

Des Meisters letzte Frage

Der junge Mann hatte schon viel gelernt, er war auf den angesehendsten Schulen, hatte verschiedene Meister besucht und unterschiedliche Lehren studiert. Da hörte er eines Tages von dem alten Meister hoch oben im Gebirge. Also beschloss er dorthin zu gehen. 

Er packte seine sieben Sachen, verabschiedete sich, und ging früh am Morgen los. Er ging den ganzen Tag und die ganze Nacht. Früh am Morgen kam er an. Der Meister saß vor seiner Höhle, er lächelte und er trank Tee. Der junge Mann setzte sich zu ihm und erzählte, was er schon alles gelernt hatte. Nach geraumer Zeit schloss er mit der Frage: „Meister, kannst Du mich jetzt lehren?“ 

Dieser lächelte, wartete einen Moment, und antwortete: „Geh zurück nach Hause, und komm in einem Monat wieder.“ Den gesamten Rückweg fragte sich der junge Mann, was er falsch gemacht haben könnte. Zu Hause diskutierte er das weiter, mit Freunden, Lehrern, jedem, den er gerade traf. Nach einem Monat ging er wieder hoch in die Berge zum Meister. Er ging den ganzen Tag und die ganze Nacht. Früh am Morgen kam er an. Der Meister saß vor seiner Höhle, er lächelte und er trank Tee. Der junge Mann setzte sich zu ihm, und erzählte, was er glaubte, beim letzten Male falsch gemacht zu haben. Nach geraumer Zeit schloss er erneut mit der Frage: „Meister, kannst Du mich jetzt lehren?“ Dieser lächelte, wartete einen Moment, und antwortete: „Geh zurück nach Hause, und komm in einem Monat wieder.“ 

So gingen mehrere Monate ins Land. Eines Morgens kam der junge Mann wieder vor der Höhle des Meisters an. Der Meister saß vor seiner Höhle, er lächelte und er trank Tee. Der junge Mann setzte sich zu ihm, lächelte, und schwieg. 
Nach einer Zeit sagte der Meister: „Jetzt bist Du bereit. In ein volles Glas kann ich nichts füllen“. –

Wieder gingen mehrere Monate ins Land. Eines Morgens sagte der Meister zu seinem Schüler: „Jetzt habe ich nur noch eine Frage, wenn Du die Antwort weißt, kann ich Dich nichts mehr lehren… 

Wenn Du ein Glas mit Wasser trinkst, was bleibt hinterher am Boden?“

Manchmal ist es wirklich so, dass wir ‚beschäftigt‘ werden müssen, uns ‚austoben‘ müssen – mit und bei allen möglichen Dingen und Zuständen – ehe wir unsere Wahrheit – unsere Essenz erkennen.