Gedanken zum Helfen 1

Mir fällt schon auf, wie wichtig es für mich ist von meinem neuen Weg zu berichten. Ein wenig komme ich mir vor, wie jene Überlebende aus der Judenverfolgung, die ehemals im KZ waren und sich verantwortlich fühlen (die meisten über 80 Jahre) dafür, dass nicht vergessen wird was damals geschah und als noch lebende Zeitzeugen, damit diese Millionen Toten im geschichtlichem Gedächtnis verankert werden, damit sowas nie wieder passiert.

Ja, ein bisschen geht es mir auch so, denn mir liegt sehr viel daran, mitzuteilen, dass es aus scheinbar ausweglosen Leidenszuständen doch ein Entkommen gibt. Ich versuche etwas anderes mitzuteilen, nämlich dass durchlittenes Leid, durchaus angenommen werden kann und man darüber hinaus wachsen kann. Dass es trotz allem möglich ist das Leid zu überwinden und man zu einem lebenswerten Leben finden kann.

Aber bringt das etwas? Es wäre für andere wichtig – und ich hätte diese ganzen Infos und Erfahrung damals als ich noch im Leid gefangen war – gebraucht – aber hätte ich sie damals auch nützen können?

Es gibt so wenig Berichte darüber, dass es möglich ist und noch weniger hört man, wie das gehen kann. Ich war lange, lange Zeitzeugin für falsche Erziehung, Gewalt in der Familie, Missbrauch, von Vernachlässigung und den Folgen all dieser Geschehnisse, die im Verborgenen stattfanden und immer noch stattfinden – in vielen anderen Familien. Das muss aufhören! Soviele Leugner des Holocaust sind besonders in letzter Zeit wieder zu hören, die Menschen schauen lieber weg oder wollen nicht daran erinnert werden. Und viele können sich gar nicht vorstellen (oder schieben es weg, weil sie nicht darüber nachdenken wollen) was Menschen anderen Menschen antun können. Doch es ist Realität ob es in deren Bewusstsein dringt oder nicht – auch wenn sie wegschauen, leugnen oder nichts damit zu tun haben wollen. Es geschah und noch viel Schlimmeres geschieht tagaus tagein in der Welt.

Mir ist es wichtig auch von Wegen zu sprechen, die heraus führen aus dem Elend, von Wegen, die nachvollzogen werden können, die Hoffnung machen. Auch ich fühle eine Verpflichtung und Verantwortung von meinem Weg, von meiner gewonnenen Zuversicht, von meinem Stück für Stück erarbeiteten Heilung zu berichten. Es darf nicht sein, dass nur ein paar Menschen in einigen europäischen Ländern Zugang zu therapeutischen Hilfen haben und alle anderen müssen irgendwie allein überleben oder sterben. Jenseits mancher fraglicher therapeutischen Interventionen muss es auch vielfältige Hilfen für Traumatisierte geben. Durch mehr Bewusstsein für die Mechanismen, die in uns das Leid ständig vermehren, durch unser altes, unbewusstes Denken einerseits und auch die Aufforderung für mehr Offenheit, sowie die Bereitschaft einander zuzuhören und ehrlich mit einander umzugehen, hinzuschauen wo Not ist, in unserem nahen Umfeld, es benennen und mutig einschreiten dagegen. Jeder kann etwas tun, jeder ist gefragt – alle gehen Gewaltstrukturen in unserer Gesellschaft etwas an , niemand darf sich bequem wegducken, wenn er ein aufrechter Mensch sein will.

Vielleicht ist es auch so, dass ich nicht helfen kann mit diesem Blog – aber ich könnte nicht gut damit leben, wenn ich es nicht wenigstens versucht hätte.

 

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