Schurke – Opfer

E. Tolle „Eine neue Erde“ Fortsetzung:

„EGOs, denen keine Bewunderung zuteil wird, versuchen manchmal in anderer Form auf sich aufmerksam zu machen und spielen verschieden Rollen um dies zu erreichen. Wenn sie keine positive Beachtung finden, verlegen sie sich mitunter darauf, negativ aufzufallen, z.Bsp. indem sie jemanden zu einer negativen Reaktion herausfordern. Schon manche Kinder tun das, sie benehmen sich schlecht um Aufmerksamkeit zu erregen. Negative Rollen werden besonders dann gespielt, wenn das EGO durch einen aktiven Schmerzkörper vergrößert ist, d.h. durch einen emotionalen Schmerz aus der Vergangenheit, der durch Auffrischung nach neuer schmerzvoller Erfahrung verlangt. Manche EGOs begehen Verbrechen um zu trauriger Berühmtheit zu gelangen, sie versuchen wenigstens dadurch Aufsehen zu erregen, dass sie bekannt werden und andere sie verdammen – „bitte bestätige mir, dass ich existiere, dass ich nicht völlig unbedeutend bin“- scheinen sie sagen zu wollen. Solche pathologische EGO-Formen sind im Grunde nur extremere Versionen von normalen EGOs.

Eine Rolle, die häufig gespielt wird ist die des Opfers und die Formen von Aufmerksamkeit, die so gesucht werden, sind Sympathie und Mitleid, das Interesse an meinen Problemen, an mir und meiner Geschichte. Sich selbst als Opfer zu betrachten, ist Bestandteil vieler EGO-Muster, wie etwa dem Klagen, dem Beleidigt- und dem Wütendsein. Habe ich mich erst einmal mit einer Geschichte identifiziert, in der ich mir die Rolle des Opfers zugewiesen habe, möchte ich natürlich nicht, dass die Geschichte aufhört, denn wie jeder Therapeut weiß, will das EGO nicht, dass seine Probleme ein Ende haben, weil sie Teil seiner Identität sind. Wenn niemand meine traurige Geschichte hören will, erzähle ich sie mir im Geiste selbst immer wieder neu und tue mir dann furchtbar leid und schon habe ich eine Identität als jemand, der vom Leben, von anderen Menschen, vom Schicksal oder von Gott ungerecht behandelt wird. Sie liefern mir eine Definition eines Selbstbildes und macht jemanden aus mir und das ist alles was für das EGO zählt.

Ja, das EGO will immer, dass alles so bleibt wie es ist, es hat Angst vor Veränderung, für das EGO ist Veränderung gleichbedeutend mit sterben.

Die obige Aussage von Tolle ist starker Tobak – ABER – wenn wir fähig sind das anzuschauen und auch wenn wir unser Leben rückwirkend betrachten – so fallen mir gleich eine Handvoll Gegebenheiten ein, die das bestätigen.

Erst mal als Kind: Als Kind wurde ich nie positiv verstärkt oder betrachtet – im Gegenteil. Ich wurde als Störfaktor, als nicht gewollt, als schwarzes Schaf gesehen, es gab nichts Gutes an mir…. Die gefühlte Tatsache (von Verwandten bestätigt), dass ich abgetrieben werden sollte und von einem Vater stammte, den meine Mutter gehasst hat – war wohl am schlimmsten für mich als Kind. Mein Lebensrecht war mir sozusagen abgesprochen – meine Mutter wollte mich nicht nicht und die täglichen Prügel von meinem Stiefvater hämmerten mir das auch glaubhaft in mich hinein. So, begann ich mir einen Trick auszudenken (unbewusst) mich bei den Misshandlungen nach einer Weile tot zu stellen, was regelmäßig irgendwann bei meiner Mutter (die daneben stand) den Ruf entlockte: „Hör auf, Du schlägst sie ja tot“. Dies wiederholte sich fast täglich, jedesmal holte ich mir (unbewusst) auf diese Weise meine Lebensberechtigung.

Später als junge Erwachsene und auch noch nach meinem Unfall und der Diagnose DIS, blieb ich weiter Opfer meiner Schreckenserziehung. Und ich werde wohl nie aufhören diese Jahre zu bedauern, in denen ich mich als Opfer gefühlt habe, die mich so viel Zeit kosteten, weil das Opfersein mich jahrelang gefangen hielt. Was hätte ich in all den verlorenen Jahren alles Wunderbares tun können – aber vielleicht werde ich ja 104 wie eine Tante mütterlicherseits und durch immer mehr Bewusstsein – bleibt auch mein Geist vielleicht noch noch lange helle. 😉 

In der Opferrolle bekommt das EGO viel Nahrung, durch Trost und Aufmerksamkeit – jedenfalls kurzfristig (nicht langfristig) und weil dieser Trost nicht lange anhält, muss diese verhängnisvolle Rolle stets mit neuen alten Opferaussagen erneut bestätigt werden. So ist mir jetzt auch klar, warum ich in dieser Phase immer wieder den Eindruck hatte, dass es im Kontakt (Blog) mit anderen „Opfern“ damals – zu dieser steten Steigerung von Leid kam (ich bin viel schlimmer dran…. mir geht es am schlechtesten … mir ist das Schrecklichste passiert…).

Für mich ist es sehr heilsam, durch diese Texte von Tolle, zu erkennen, was damals geschah mit und in mir – so ist der Weg zurück zu Opferverhalten nicht mehr gangbar, er ist durch das neue Bewusstsein oder Bewusstgewordensein nun unmöglich geworden. Das ist ja oft bei sog. Opfern der Fall, dass sie sich auf den Weg machen und dann nach einiger Zeit wieder zurück fallen und aufgeben, weil es nicht gleich funktioniert hat. Hat man die Mechanismen des EGOs erst einmal durchschaut – will man sie nicht mehr bedienen, man kann keinen Nutzen mehr daraus ziehen, wenn man sie erst einmal verstanden hat. Das EGO hat nur im unbewussten Zustand Macht über uns.

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