Es geht weiter

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Opfer/Täter geht weiter. Mit einigen bin ich im Dialog per email zu diesem Thema, die auch Gewalterfahrungen erlebt haben. In dieser Runde ist sachlicher Austausch möglich, sie fühlen sich nicht mehr als Opfer – aber jeder von ihnen fühlte sich früher schon so und konnte sich allmählich davon befreien. So verschiedene Erlebnisweisen sind für eine weiterführende sachliche Untersuchung eines solch schwierigen Themas sehr gut. Und durch den Nicht-mehr-Opfer-Status ist ein viel freierer Blick auf die Fakten möglich.

Übrigens gibt es ja sehr viel verschiedene Gewaltopfer – nicht nur Missbrauch oder DIS – und da gibt es natürlich auch Menschen – meist Frauen – die durch Gewalt (Schläge, Erniedrigungen….) zum Opfer gemacht wurden und sich bis heute noch nicht von den Folgen befreien können. Gewalt ist ein Thema das in vielfältiger Form in unserer Gesellschaft vorkommt und z.Bsp. die Me too Bewegung in neuerer Zeit hat es jetzt sichtbarer gemacht. Aber ich denke grad an die vielen Frauen, die oftmals im Frauenhaus landen, weil der Mann sie schlägt und tyrannisiert, und dann doch immer wieder zurück kehren. Oder Frauen, die immer wieder einen Männertyp wählen, der sie genauso verächtlich behandelt und schlägt, wie sie als Kind vom Vater behandelt wurden. Das sind erwachsene Frauen und manche haben Kinder und dennoch kehren sie mitsamt den Kindern wieder zurück zu ihren Gewaltangehörigen. Was ist mit denen? Sie wissen meist sogar um die Schädlichkeit wie sie behandelt werden (sogar, dass ihre Kinder damit geschädigt werden) und sind nicht debil und dennoch…… (Im Rahmen meiner Erzieherausbildung, habe ich in so einem Frauenhaus schon vor vielen Jahren ein Praktikum gemacht).

Ja und es gibt auch die vielen Täter, die als Kind ebenso von Tätern missbraucht, geschlagen, zum Opfer gemacht wurden und es weitergeben – unreflektiert – sich getrieben fühlen…. Ich weiß, das ist nicht so beliebt unter den Opfern, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. Es ist leicht da eine Trennung zu vollziehen: Wir sind die Opfer, die die Täter! Oder auch wir sind die Guten, dort die Mörder etc., die Bösen. So einfach ist es für reflektierte Menschen aber nicht.

Da wird gesprochen von der Verantwortung jedes Einzelnen – NATÜRLICH – und dennoch… für mich ist das so eindeutig nicht abgetan. Ich denke dann immer an die Aussage „kein Baby wird böse geboren“. (Außer die Katholiken, die werden laut katholischen Glauben, ja schon mit der Erbsünde geboren und nur die Taufe kann nach ihren Glauben – verhindern, dass sie lebenslänglich Sünder bleiben… sorry, das meine ich natürlich ironisch). Also da fragt man sich schon, weshalb ausgerechnet in der Kirche so viele Missbrauchsfälle vorkommen. Nein – ich persönlich frage mich das nicht mehr, weil ich mich mit dem größeren Kontext, den Hintergründen schon seit vielen Jahren beschäftige. Und ich habe auch den ‚Vorteil‘, dass ich an meinen Eltern mit der Zeit /nach langer Zeit – lernen konnte – (also ich sie versuchte zu begreifen) – warum sie Täter geworden sind.

Um sich vom Opferdasein zu befreien gehört mehr dazu, als die Trennung zwischen Opfer und Täter aufrecht zu erhalten (ohne genau hinzuschauen). Das ist schmerzhaft und man muss bereit sein sich selbst genau und schonungslos zu betrachten. (Wir alle sind irgendwo Täter und sei es ’nur‘, dass wir im Kik einkaufen, gedankenlos die billigen T-Shirts, die mit Kinderarbeit und Giften hergestellt werden… und diesen Kindern damit ihre Kindheit nehmen und ihr Leben verkürzen). Das genauer zu betrachten (und vor der eigenen Türe kehren) ist weitaus schwieriger als sich als Opfer zu fühlen und die Täter zu verdammen. Übrigens Gott verbannt die ‚Sünder,‘ also Täter nie und das hat einen guten Grund. Denn ein spirituell ausgerichteter Mensch, der sich auch mit der Geschichte auseinander gesetzt hat und sein Hirn benutzt, weiß um die Verirrungen in der Menschheit. Und ein Gott will immer das Gute in uns fördern, und sich als Opfer zu fühlen und die Täter ein für alle Mal zu verdammen – macht die Welt nicht besser – DENN DADURCH BLEIBEN WIR IMMER OPFER UND LEIDEN.

Gewalt (egal ob sexuelle oder andere) ist ein gesellschaftliches Phänomen und die Täter und Opfer kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Wenn man die Hintergründe beleuchtet (und das sollte man, um die Mechanismen zu durchschauen – um diese zu durchbrechen) dann findet man häufig nicht nur Biographien bei den Frauen – sondern auch bei Männern, wo sich aus deren Familien heraus ein Wiederholungsfaktor gebildet hat (schlagender Vater und ‚Schwarzes Schaf der Familie’z.B.)

In beiden Fällen, (Täter und Opfer) scheint es sehr schwer zu sein, sich von den jeweiligen gelernten Rollen und Mustern zu befreien (und auch so schwer wie es ist sich aus den Rollenverhalten eines Täters –  ist es auch sehr schwer sich von der Opfermentalität zu befreien.) In beiden Fällen scheinen die früh aufgenommenen Muster und Erwartungen (ein Mann ist stark …. oder bei der Frau: du bist schwach, eine Frau ordnet sich unter….) ähnlich schwer rückgängig gemacht werden zu können. Und für die Täter jeglicher Gewalt scheint es mir besonders schwer sich zu befreien. Gesellschaftlich werden sie verachtet, wenn sie als Buben oder Jugendlicher weinen oder sich als Opfer zeigen. Da ist dann das kleinere Übel für sie, sich lieber auf die Seite der Täter zu schlagen und den Schmerz aus der Kindheit (z.B. vom schlagenden, missbrauchenden Vater, wo man hilflos ausgeliefert war) – zu verdrängen, kann so wenigstens gemildert werden, denn dann hat man Macht und ist kein Opfer mehr. Das läuft ebenso unbewusst ab, wie das Opfergefühl.

Zum Thema Verantwortlichkeit haben wir natürlich auch vielfach unsere Meinungen ausgetauscht. Und auch wir sind zu dem Schluss gekommen, dass so eine Vereinfachung von: Täter sind nur schwarz und Opfer sind weiß – zu wenig den Kern trifft. Aber sie ist natürlich für Menschen, die Gewalt erlebt haben und sich noch als Opfer fühlen, ganz leicht zu fällen, denn es entlastet.

Und etwas gibt mir zu denken und ich möchte es nochmal aufgreifen: Wenn es doch so schwer ist sich aus seiner Opferposition zu befreien – was ist mir den Tätern – für die ist es genauso schwer und vielleicht sogar schwerer, denn sie müssen vielleicht jahrelang hinter Gitter (Eintrag in den Akten – lebenslänglich, als Sexualstraftäter registriert, ausgegrenzt) – ein Opfer wird nicht eingesperrt – es hätte „eigentlich“ ebenso die Verantwortung sich von der kindlichen Rolle (wenn es bereits  erwachsen ist) als Opfer zu befreien. Das Gegenteil ist der Fall – sie bekommen überall Zuspruch und Trost und Therapie für Jahre (und werden dadurch unnötig lange in diesem Zustand gehalten). Manchmal hilft es den Blickwinkel ein wenig zu verändern und nicht vorschnell Menschen zu verurteilen.

Urteile über andere zu fällen ist leicht, sie verstehen schwer. Ich erinnere nur an den weisen Indianerspruch:

„Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen,
ehe ich nicht viele Meilen in seinen Mokassins gegangen bin.“

Ein Gedanke zu “Es geht weiter

  1. Pingback: Und ist das nicht schön? | Pollys Leben ohne Therapie

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.