Loslassen von Leid

Meine innere Instanz, mein heiler unverwüstlicher Kern, der soviel Leid gesehen und mitgefühlt hat – vom Anfang meines Lebens an und so viele lange Jahre und so beschwert wurde, vermittelt mir, dass es nicht anders ging, wenn ich frei werden wollte, dass ich all das hinter mir lassen muss. Denn das Festhalten an den alten Verletzungen bringt niemanden etwas, hat nichts geholfen, nichts leichter gemacht, im Gegenteil, das Leid vergrößerst und verlängert und hat unsere Lebensqualität enorm geschmälert.

Das Festhalten an dem alten Unrecht, das mir geschehen ist, hat mich beinahe kaputt gemacht und diese verheerenden Botschaften verbaler und nonverbaler Art (du bist nichts wert, mit dir kann ich machen was ich will, du bist nur Dreck….) hätten es fast geschafft, dass sie Wahrheit wurden. Unsere Täter hätten es beinahe vollbracht uns umzubringen körperlich und seelisch, weil ich mich nicht lösen konnte – so lange – von diesen mörderischen Hypotheken.

Ich habe lange gebraucht um aufzuwachen, meine innere Kraft zu entdecken und zu erkennen, dass ich damit nur diesen Tätern zuspiele, ihnen recht gebe und ihre geheimen Vernichtungswünsche weiterhin bediente, auch noch nach ihrem Tod.

Glücklicherweise habe ich eine Tochter, die mich durch die Verantwortung für sie daran gehindert hat, nur immer um mein Leid zu kreisen – zwei Jahrzehnte lang habe ich mich um ihr Wohl gekümmert, was mich davor bewahrt hat, weiterhin so zu leben wie in meinem frühen Erwachsenalter oder die letzten 5 Jahre nach meinen Unfall.  Ich glaub, ich verdanke meiner Tochter mein Leben. Ich verdanke ihr, dass ich den Lebenssinn darin fand für jemand da zu sein, verantwortlich zu sein. Für mich selbst hätte ich das wohl nie geschafft. Jetzt allmählich bin ich mir selbst viel mehr wert, dass ich toxische Beziehungen und Gedanken immer mehr vermeiden kann.

Die Lösung war einfach damals – ich übernahm Verantwortung für meine Tochter – ohne wenn und aber – ich spürte diese Verantwortlichkeit ganz tief in mir, spürte, dass es das einzig Richtige war. Es macht – so glaube ich – niemanden gesünder, glücklicher, bewusster…  wenn man nur immer um sich selbst kreist, um sein Leid und sich so wichtig nimmt. Wir sind fast 8 Milliarden Menschen und ich weiß nicht wie viele Menschen darunter sind die leiden – wesentlich mehr als ich je gelitten habe. Sie verhungern, sie werden abgeschlachtet, eingesperrt, geschlagen, fühlen sich verfolgt, werden aus ihrer Heimat vertrieben, müssen alles hinter sich lassen, frieren, verlieren Gliedmaßen, sterben im Dreck…… die Liste ist soooo lang. Wir haben irgendwann kapiert, dass der einzige Weg aus unserem Leid (egal wie groß es auch war und wie unrecht) die Annahme unseres Schicksals ist, denn die Verweigerung dies alles hinter uns zu lassen, macht alles noch schlimmer und nützt niemanden irgendetwas.

Heute frage ich mich, wie das alles passieren konnte, dass ich so vernebelt war, so blind und unbewusst – nur weil ich einer Illusion nach rannte, dass mir irgendwann mal Gerechtigkeit geschieht. Was für ein Irrsinn! Der Blick vom Egodenken her völlig bestimmt und verbohrt, nur auf das eigene Leid starrend und alles Positive nicht mehr wahrnehmend. Wir dachten unser Leid wäre etwas besonderes und wendeten gleichzeitig den Blick von noch viel schlimmeren Leid, was wir täglich in den Nachrichten mit anschauen, die Qual so vieler Menschen in unserem direkten Umfeld nicht mehr wahrnehmen konnten und nichts dagegen taten, als von unserem großen Leid zu berichten – Tag für Tag. Wir kreisten nur um uns und Unseresgleichen, weil wir verbunden waren durch die Ähnlichkeiten unseres ’speziellen‘ Leids. Beschwerten uns über unsere Täter und wurden gleichzeitig zu Tätern gegenüber der Welt, wo wir völlig aus dem Blick verloren, wie und wo wir unsere verbleibenden Kräfte bündeln könnten und stattdessen uns konstruktiv und mit Mitgefühl noch viel größerem Leid, gegen viel größeres Unrecht einzusetzen.

Unser eigener Schmerz hat uns zu Egozentrikern gemacht, als hätten wir das Recht auf einen besonderen Status des Leidenden. Wie blind muss man sein und wie verbohrt, dass man nicht wahrnimmt, wie viel anderes Leid es auf der Welt gibt.

Jetzt kreisen wir um Positives, um Konstruktives (und bemerken und freuen uns darüber, dass alles jetzt viel besser ist) und arbeiten täglich daran auf vielfältige Weise, dass es ein klein wenig besser wird auf dieser Welt, ganz konkret in unserem Umfeld, und nebenbei werden wir klüger, bewusster, mitfühlender und gewinnen soviel mehr, als die Schrecken ständig in uns zu wälzen. Wir setzen ein Gegengewicht gegen all die Schrecklichkeiten auf unserer Welt, denn wir können jetzt auch die andere Seite erkennen und sie einlassen.

Hierzu fällt mir gerade eine meiner geliebten Metapher-Geschichten ein:

Der Sternenwerfer

Es war einmal ein alter Mann, der jeden Morgen einen Spaziergang am
Meeresstrand machte. Eines Tages sah er einen Jungen, der vorsichtig
etwas aufhob und ins Meer warf. Er rief: „Guten Morgen, was machst du
da?“ Der Junge richtete sich auf und antwortete: „Ich werfe Seesterne
ins Meer zurück. Es ist Ebbe und die Sonne brennt herunter. Wenn ich
das nicht tue, sterben sie.“ „Aber, junger Mann, ist dir eigentlich
klar, dass hier Kilometer um Kilometer Strand ist. Und überall liegen
Seesterne. Die kannst du unmöglich alle retten, das macht doch keinen
Sinn.“ Der Junge hört höflich zu, bückt sich, nimmt einen anderen
Seestern auf und wirft ihn ins Meer, lächelt: „Aber für diesen macht es
Sinn.“

In diesem Sinne versuche ich angesichts des vielen Leids zu handeln, mich um die einzelnen „Sterne“ die leiden ein bisschen zu kümmern. Ein soviel besseres, sinnhaftes Leben, als das Leben vorher im stetigen Schmerz.