Präsenz zeigen

Brendon Burchard sagt:
 
„Die Art und Weise, wie wir mit unserer Vergangenheit und Zukunft umzugehen pflegen, kann erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie wir mit unserer Gegenwart umgehen. Wenn wir von der Sorge darüber, wie die Dinge gelaufen sind oder wie sie laufen werden, verschlungen werden. Dann ist es unmöglich, sich vollständig mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen.
 
Im Augenblick ungehindert zu tanzen ist die härteste spirituelle Praxis der Welt.“

Ja, es ist wirklich schwer, sich nicht ständig Sorgen zu machen oder nicht an die Vergangenheit oder die Zukunft zu denken – es ist schwer im Jetzt zu bleiben. Aber es gibt doch einiges was ich ganz praktisch machen kann, um mehr im Augenblick zu leben. Da fällt mir z.B. ein, dass wir jedesmal, wenn wir bemerken dass wir uns wieder in der Vergangenheit aufhalten und über sie nachdenken oder sie sogar im Jetzt erleben, was uns Traumatisierten ja häufig passiert, dass wir sobald wir es bemerken, sofort unseren Fokus auf das Jetzige richten. Das ist ja auch in (guten)Therapien so, sobald wir in den alten Filmen landeten, machten Therapeuten über Sprache, Geräusche oder indem sie uns einen Igelball in die Hände gaben, den Versuch uns in die Gegenwart zurück zu holen. Aber warum warten, bis man wieder in der Therapiestunde ist und ein anderer das für uns tut? Es gibt so viele Lebensstunden zwischen den Therapiestunden, wo die Klienten sich fortwährend in der Vergangenheit mit ihren Schrecklichkeiten aufhalten. Warum nicht selber üben – steter Tropfen höhlt den Stein. Ja üben ist langweilig, und man muss diszipliniert sein, konsequent und das auch noch allein. Hm, das geht auch nur wenn wir es wirklich wollen.

Das Argument, was vielleicht jetzt viele anführen: Ich merke das gar nicht, wenn ich nicht im Jetzt bin, grad dissoziiere…. Auch das kann man lernen durch immer mehr Achtsamkeit, immer schneller, immer früher, immer besser. Und dann können wir wieder ins Jetzt zurück kehren.

Ich finde Sunrisas Blog vom Namen her so originell und treffend. Ja, Leute mit der Diagnose DIS-Tanz tanzen wirklich um den heißen Brei herum – vor und zurück und rundherum (natürlich gibt es Gründe: Angst, Schmerzvermeidung z.Bsp…) Wir kennen das selber zu genüge aus meinen letzten 3 Therapieversuchen.

Eine weitere Möglichkeit – so denke ich persönlich – wie man die Präsenz im Jetzt umsetzen kann ist vielleicht – zwar zurückzuschauen (eine Rückschau halten) und zu vergleichen mit der jetzigen Situation, den Fokus darauf zu richten, was sich seither verändert hat. Das erscheint mir wichtig, denn wir Menschen neigen dazu – Altes – einmal Bewährtes (in der Kindheit) automatisch zu wiederholen (ungeprüft ob das jetzt als Erwachsener noch immer funktioniert oder uns nur im Alten festhält – die berühmten eingefahrenen Gleise im Gehirn). Wenn wir nicht Rückschau halten – immer wieder – passiert es leicht, dass wir längst erfahrenes Positives gar nicht mehr bemerken oder gleich wieder vergessen.

Auch in die Zukunft können wir in einer gesunden Weise schauen – z.Bsp. wenn wir eine Imagination/Meditation machen, in der wir uns vorstellen, wie unser Leben aussehen könnte, wenn wir uns ganz und gar gesund und heile fühlen. Das bringt uns unseren Zielen näher, ja es ist durchaus förderlich unser Ziele – wo wir hin wollen – herauszufinden – statt uns immer im Kreise zu bewegen. Sich mental mit unseren Zielen zu beschäftigen kann sehr hilfreich sein. So nutzen z.B. seit langem gute Sportler diese Methode, die sozusagen im Kopf trainieren, dass sie besser werden.

Jedenfalls steht für mich fest, dass uns der Aufenthalt in der Vergangenheit – Leid beschert (jedenfalls ist das bei Menschen so, die Horror in der Kindheit erlebt haben). Doch Brendon Burchard gibt uns noch ein Hilfsmittel an: nämlich die Bewertung der Vergangenheit. Kein Mensch hat in der Vergangenheit wirklich nur schlechtes erlebt, es gab in jedem Leben irgendetwas (mehrere Dinge), die in Ordnung waren, Momente des Schönem, Augenblicke wo es uns gut ging, wir uns freuten….. Dorthin können wir auch unseren Fokus richten.

Und letztlich können wir noch einen Schritt in Neu-Bewertungen unseres Lebens tun. Alles hat seine 2 Seiten – nichts ist nur schlecht oder nichts ist nur gut. Wir können uns die Frage stellen, wozu dies oder jenes vielleicht gut war (nichts ausschließen) wozu diese oder jene Erfahrung uns vielleicht gedient hat für unser jetztiges Leben. Auch da muss geübt werden genau hinzuschauen und nicht pauschal alles zu verdammen.

Mit diesem Fokus konnte ich unlängst sogar erkennen (siehe Blogbeitrag Fragen stellen), dass meine Mutter durch ihren frühen Tod, eigentlich mein Leben wie es jetzt ist (weitgehend konstruktiv und ohne großes Leid) ermöglicht hat, obwohl sie einst so viel Schaden bei mir angerichtet hat.

 

 

 

8 Gedanken zu “Präsenz zeigen

    • Ah, das ist interessant…. ich hätte nicht gedacht, dass hier jemand das so betrachten kann bzw. so interpretieren kann. Ist Dein Erzeuger an einem Unfall gestorben oder hat er sich selbst beendet. Bei uns hat der Arzt (sie lebte nach dem Unfall noch 3 Tage) meiner Schwester gesagt (sie war schon 20), dass sie keinen Lebenswillen mehr gehabt hatte.

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      • Diese Erkenntnis hatten wir recht schnell nach seinem Tod. Allerdings auch den Gedanken, dass er vor einer Konfrontation geflohen ist, die wir gerade zu der Zeit planten. Seine Angst davor war wohl zu groß. Daher konnte er nichts anderes tun, als sterben. Im Vergleich ist unser Erzeuger vermutlich alt geworden. Er starb mit 68 an einem Herzinfarkt. Dennoch war es relativ früh und eine enorme Erleichterung für uns. Erst danach war es uns möglich überhaupt kontinuierlich hinsehen zu wagen und aufzuarbeiten, was verdängt war. Davor hatten wir uns vor ihm versteckt und unsere Adresse verheimlicht, weil wir ihn so fürchteten, obwohl wir schon erste Erinnerungen hatten. ….. Mit Suizid hatte er schon gedroht, da war ich in der Pubertät. Das war aber eher eine Drohgebärde um die Familie zu terrorisieren. Dennoch denke ich, dass er sehr depressiv war. Depression äußert sich bei Männern anders als bei Frauen ja oft in besonders aggressivem Verhalten.

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      • Das ist auch interessant – dass man als Täter auch lieber stirbt als sich konfrontieren zu lassen. Natürlich ist das ein unbewusster Vorgang. Ich war erst 14 und meine Schwester erzählte mir das erst später, was der Arzt gesagt hatte. Dass meine Mutter keinen Lebenswillen mehr hatte (u.d. Umständen) verstehe ich recht gut. Ich habe erst sehr viel später kapiert, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können, wenn ich noch länger zu Hause hätte leben müssen. Wahrscheinlich wäre ich jetzt eine Mörderin – meine damaligen Phantasien, die ich gegen meinen Stiefvater hegte, sprachen da eine deutliche Sprache.

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      • Meine Kindheit und Jugend hatte er uns nichts erspart, leider. ….. Solange ein Heimaufenthalt nicht sozusagen vom Regen in die Traufe bedeutet, war es für dich offenbar eine Erlösung, dass die Mutter gestorben war. Oder war deine Schwester so viel älter, dass sie deine Vormundschaft übernahm und ein Heim blieb dir erspart?

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      • Ne, meine Schwester war mit den Nerven ziemlich runter und konnte meine Vormundschaft auch deshalb nicht übernehmen, weil man damals erst mit 21 volljährig war. Jedenfalls wurde ich in den Heimen nicht geschlagen, war allemal besser als zu Hause. Du warst Deinem „Zuhause“ dann ja leider länger ausgesetzt, das ist übel, oder war es nicht so schlimm mit Deiner Mutter allein?

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      • Wie schön, dass du in ein gutes Heim gekommen bist, wo du zumindest keiner Gewalt ausgesetzt warst. War ja damals auch gar nicht so sicher.
        Ich war ja bereits 35 Jahre alt, als unser Erzeuger starb. Also schon lange ausgezogen. Wir lebten nie mit der Mutter alleine. Ab dem 14. Lebensjahr wurden die Vergewaltigungen immer extremer und die Schwangerschaft vom Vater als Folge dessen …… Wir hatten immer gehofft, dass sich die Mutter scheiden ließ, was sie nicht tat. Also hatten wir mit 14 beschlossen, dass wir uns selbst retten müssten. Zumindest waren es nur noch 5 Jahre zum durchstehen, die es aber wirklich noch sehr in sich hatten.
        Dennoch war sein Tod mit 68 Jahren ein früher Tod. Beim heutigen Stand der Medizin könnte er immer noch leben. Ein Gedanke, der in uns nur Grauen hervorruft. Vielleicht aber haben wir seinen Tod auch unserer Mutter zu verdanken, die keine Rettung rief, weil er es nicht wollte?!

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