Wie geht es weiter?

Es reicht nicht einfach nur zu leben – nur Rückschau zu halten – es muss auch eine Vorwärtsschau geben oder nicht? Ja, wir sind beileibe noch nicht fertig mit der Aufarbeitung. Wir wissen, dass da noch kein richtiger Bezug ist zu meinem Körper. Dass er immer noch meilenweit entfernt ist, von dem dass wir eine richtige Beziehung mit ihm haben – nach unserer Vorstellung. Mehr haben wir nicht – nur eine Ahnung davon, dass da noch mehr sein könnte, wie es aussehen könnte, wenn man in seinem Körper ganz zu Hause ist, er nicht mehr abgespalten ist, sich natürlich anfühlt. Irgendwie ist er immer im Weg dieser Körper, fühlt sich nicht wirklich heimisch an. Woher habe ich diese Vorstellung vom Einssein mit ihm? Gab es die schon mal? Als Kind vielleicht?

War es möglich den Körper jemals so zu spüren wie er ist – ganz einheitlich, sich nicht für ihn zu schämen, sich natürlich und frei zu bewegen – ihn zu spüren? Ich vermute eher nicht, denn mein Aussehen war von dem Satz geprägt: Du siehst aus wie dein Vater! Dieser Satz war eine Bombe, er war pure Ablehnung – denn meine Mutter hasste meinen Vater. Was hatte er ihr wohl angetan, dass sie ihn so hassen musste – wollte. War es ’nur‘ dass er schon während der Schwangerschaft mit anderen Frauen ‚rummachte‘? Oder war ich aus einer Vergewaltigung heraus entstanden? Vom Geburtstermin aus verglichen – zum Hochzeitstermin lief es auf eine Mussheirat hinaus. Habe ich diese Ablehnung meines Vater durch meine Mutter schon in der Schwangerschaft aufgesogen? In einer Zeit – wo man nur ein Zellhaufen ist? Fragen und keine Antworten.

Vermutungen bringen nicht wirklich weiter. Mein Körper sagt mir, dass er nicht frei ist. Mein Körper fühlt sich nicht passend an. Er fühlt sich so an, als gehöre er nicht zu mir. Er fühlt sich linkisch, klobig, zu schwer, zu ungelenk und außerdem passt er nicht zu meiner Seele. Meine Seele ist schön und rein! Mein Körper ist hässlich und muss ständig versteckt werden, weil ich nicht will, dass meine Gestalt gesehen wird. Ein unmögliches Unterfangen, weil meine Seele braucht den Kontakt zu anderen Menschen – nicht nur virtuellen – nein leib-haftigen. Ich umarme gerne andere Menschen, sie spüren –  lässt mich sie erkennen – auf einer anderen Ebene – da spüre ich besser ihr Sein, wenn ich sie auch umarmen kann. Ich bin beim umarmen sehr akribisch – ich umarme niemanden, den ich nicht mag – das geht bei mir nicht. Wenn ich von einer Person umarmt werde und das nicht verhindern kann, weil es unhöflich wäre ihn zurückzustoßen (oder ihm zu sagen – Nee, Dich umarme ich auf keinen Fall) – bin ich blitzschnell weg – innerlich. Bei Menschen, die ich vom Herzen und Sinn her umarme bin ich ganz da, spüre wie der andere sich anfühlt – nachgiebig – loslassend – sträubend – weich – verhärtet – hingebungsvoll …. ich spüre ob es wirklich eine ehrliche Umarmung ist – oder ob mein Gegenüber es nicht lange aushält – so eine Umarmung ist ja Nähe – und schon zur Hälfte wieder wegstrebt…. Und ich spüre wenn die Umarmung ganz echt ist, tief und verschmelzend. Es ist seltsam, dass dieser Körper gerne umarmt, vor allem da, wo ich merke, dass mein Gegenüber das jetzt braucht (und selber vielleicht noch ambivalent dazu ist) Komisch das spüre ich alles, obwohl ich meinen eigenen Körper gar nicht wirklich spüre – sonst.

Das Umarmen habe ich in Herrenalb gelernt – der psychosomatischen Klinik, in der ich viele Monate war – nach einem totalen Zusammenbruch auf der ganzen Linie. Ich war damals 29 Jahre alt. Nach anfänglichem Sträuben habe ich die Umarmungen dort (sie waren ein Therapiemittel scheint mir ) – konnte ich es irgendwann zulassen und sehr genießen – war ja völlig neu für mich. Außer beim Sex war ich niemanden nah – damals. Die Klinik wurde ziemlich schief angesehen, wegen dieser Umarmungstendenz. Überall – traf man Menschen an, die sich umarmten – in Zweier-, Dreier- bis 5 oder mehr Grüppchen. Wir standen ganz dicht zusammen und fühlten unsere Bäuche. Anfänglich dachte ich sogar, dass die alle spinnen. Aber als ich bereit war es zuzulassen war ich süchtig danach. Gleichzeitig war es in der Klinik verboten Sex miteinander zu haben (ist ja auch ein bewährtes Mittel für manche damit der wahren Nähe auszuweichen), man flog aus der Klinik wenn das geschah. Es ging dabei um das Erleben von Nähe – nicht um Sex.

Da hatte ich Glück, dass ich diese Nähe  so exzessiv kennenlernen durfte.

2 Gedanken zu “Wie geht es weiter?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.