Das hungrige Kind – Sybilla

Sybilla läuft und läuft. Sie bekommt gar nicht mit wohin sie läuft und sie fühlt sich auch nicht bei diesem Lauf. Sie läuft weil sie es muss, weil sie etwas antreibt, das sie selbst nicht benennen kann. Während des Laufs kann sie atmen – sie atmet kräftig, fast keuchend, die Luft fließt schwer aber kraftvoll in ihre Lungen. Sobald sie stehen bleibt, fällt ihr das Atmen wieder schwer, so muss sie laufen und laufen und kann nicht anhalten. Denn Anhalten bedeutet keine Luft bekommen und das heißt sterben.

Sie will aber nicht sterben, noch nicht. Sie will doch leben, atmen, sich frei fühlen. Also läuft sie unentwegt und bis zur Erschöpfung. Wenn Sybilla nicht mehr kann, weil sie keine Kraft mehr hat, fällt sie in Tiefschlaf – das ist eine Gnade – denn so spürt sie die blockierte Atmung nicht, die im Stillstand eintritt. Ihr Zwerchfell entspannt sich und auch die Thymusdrüse lockert sich und während Sybilla fast wie im Koma schläft, entspannt sich der ganze Brustkorb wieder.

Wenn sie dann aufwacht fühlt sie sich erholt und sie spürt keine Atemblockierung mehr – sie ist weg. Aber irgendwas ist da in ihrem Körper und mit der Atmung nicht richtig. Sie atmet tief ein und es klappt auch in dieser ersten Zeit des Morgens, aber nun ist da ein anderes Phänomen: Nach dem kräftigen Einatmen gibt es nun beim Ausatmen mehrere kleine Blocks, die sich wie kleine Seufzer anhören. Sybilla kennt das von früher, als sie noch weinen konnte. Da hat sie nach heftigsten Weinen danach immer diese „Nachseufzer“ – kleine Atemstocks kurz hintereinander, beim Ausatmen.

Und etwas sagte ihr dann auch, dass in diesem gefühlten Seufzer Traurigkeit steckte. Sie fragte sich natürlich weswegen sie wohl traurig sein könnte, aber sie kam zu keinem Ergebnis und folgte ganz schnell dem Impuls aufzustehen und freute sich auf das Frühstück. Es fiel ihr ein, dass noch etwas von dem leckeren Kuchen da war, den sie gestern gebacken hatte.

Auf der Suche nach dem hungrigen Kind

Nach der Stabilisierung und Erholung vom letzten sehr anstrengenden Therapieversuch (von dem ich mich erleichtert zurückgezogen habe) fühle ich mich jetzt kräftig genug – in Eigenregie wieder weiter zu machen. Schon lange habe ich das immer hungrige Kind in mir, das eine fast schmerzhafte innere Leere in der Nähe des Herzens verspürt und es erfolglos mit Essen füllen will.

Die Suche nach dem hungernden Kind in uns:

Innengespräch:

Hallo Du, wir hatten schon mal Kontakt – vor vielen, vielen Jahren, damals waren wir uns in einer Atem-Sitzung begegnet, in der es darum ging eine Atemblockierung zu entfernen (was uns nicht gelang). Aber das war vor mehr als 20 Jahren und wir malten damals dieses Bild:

PsychBildTrichter.jpg

Soweit ich mich erinnern kann ging es dabei darum, dass Du ein Loch in Dir fühltest, was die Atmung blockierte, sobald ich die Atemübung machen wollte. Das Loch verhinderte, dass ich durchatmen konnte. Die Luft ging einfach nicht durch und wir spürten beträchtliche Atemnot, die schon oft in Stresszeiten Thema war. Du erzähltest mir, dass es sich anfühlte, als wäre da eine Sperre – ein Atemblock und sich irgendwie hohl und leer anfühlte. Als wir uns das näher ansahen, bemerkten wir, dass die Blockierung folgende war:

Es ging nichts durch, nichts dran vorbei, an diesem Block, weder die Luft, noch die visualisierte goldene, heilende Flüssigkeit. Schließlich überlegten wir uns ein Hilfsmittel und führten einen Trichter in der Höhe der Blockierung (Herznähe) ein. Da bemerkten wir, dass nun zwar die goldene, heilende Flüssigkeit eingeführt werden konnte, aber da war ein Loch auf der Rückseite Deines/unseren Körpers und alles Heilende, alles was in den Trichter lief, kam ungenutzt auf der Unterseite wieder heraus. Wir konnten den Atemblock nicht entfernen.

Ich glaube, wir kamen damals nicht weiter, aber heute ist mir eingefallen, dass Du das warst. Heute und seit einiger Zeit schon bin ich Dir ‚Immer-Hungrigen‘ wieder begegnet und wir hatten auch schon mal einen Dialog darüber, was Du bräuchtest um satt zu werden. Es war uns bewusst, dass dieser Hunger für etwas stand und Du vermitteltest mir, dass Du mehr Aufmerksamkeit brauchst, mehr Zuwendung. Das hatte ich auch versucht in den Tagen und Wochen danach. Aber verzeih, ich verlor Dich immer wieder aus dem Auge und vergaß Dich oft total.

Heute bitte ich Dich mir zu helfen herauszufinden, was Du wirklich brauchst, damit wir gemeinsam dieses bodenlose Loch schließen können und all die wunderbaren Dinge auch in Dich fließen können und Du sie in Dir behalten kannst. Ich bin auch sehr neugierig wie Du heißt – viele Deiner Geschwister haben mir schon ihre Namen verraten – vielleicht magst Du ihn mir auch sagen. Einige Deiner Schwestern und Brüder haben sich in meinen Geschichten gezeigt und einige in Form von Zeichnungen. Aber vielleicht ist das nicht das geeignete Mittel. Bitte hilf mir und gebe mir Zeichen oder Impulse wie ich Dich näher kennen lernen kann und erfahren, was Du brauchst um dieses große Loch und die Leere darin zu schließen. Vielleicht kannst Du mir da etwas sagen, zeigen, fühlen lassen, damit ich helfen kann. Ich warte auf Dich und werde gut hinlauschen.

Ein etwas anderer Tag

Heute ist der Tag bzw. die Nacht, in der meine Mutter starb – vor 54 Jahren – und am gleichen Tag heute vor 6 Jahren fiel ich vom Baum und hatte diesen schweren Unfall.

Schon seltsam, dass mir dieses Datum immer noch so präsent ist, jedes Jahr aufs neue. Irgendwie greift sie – meine Mutter – immer noch nach mir. Aber heute, als mir bewusst war, dass dieser Jahrestag nun wiederkehrt, sprach ich innerlich mit mir, beruhigend und nicht gewillt – durch diesen Tag sich zu verwickeln mit der Vergangenheit. Als ich vom Baum fiel und mir sozusagen, das Rückgrad brach, wurde mir erst lange danach bewusst, dass es der Todestag meiner Mutter war, als es geschah.

Die folgenden Jahre – waren wechselnd – manchmal erinnerte ich mich an diesem Tag und manchmal erst wurde ich durch einen „komischen“ Tag (depressiv, kleinere Unglücke…) an diesen Tag erinnert. Aber eine Art Damokles-Schwert schwebte immer über mir, in irgendeiner Form – egal ob ich mich erst später an diesen Tag im Rückblick erinnerte oder er mir präsent war.

Es ist komisch, dass ausgerechnet meine Mutter an ihrem Todestag immer  irgendwie erscheint – wo ich doch immer sagte (und immer noch sage), dass sie die letzte ist, der ich im Jenseits nochmal begegnen möchte. Das klingt nicht gerade nach guter Aufarbeitung, wenngleich ich ihr doch vom Kopf her längst vergeben habe, seit ich begriffen habe, dass sie selbst eine gequälte Seele war, die nur weitergegeben hat. Mein Herz hat ihr so scheint es mir – immer noch nicht vergeben. Ich fühle keinen Hass oder ähnliches – es fühlt sich eher an wie Gleichgültigkeit, oder Desinteresse, wie etwas Lästiges, das man abschütteln will. Und doch ist da wie mir scheint noch irgendein Band, das ich nicht durchtrennen kann.

Immerhin fiel es mir heute rechtzeitig ein, und ich saß in der S-Bahn auf den Weg in meinen Kurs in der Akademie und sprach innerlich mit ihr: „Nein, es ist für mich ein ganz normaler Tag. Es geschehen heute keine Katastrophen, ich stürze nicht, ich falle nicht, es wird alles gut sein, Du hast keine Macht mehr über mich. Dein Leben hat so gut  wie nichts mehr mit mir zu tun – also, wenn Du noch nach mir greifst, so lass das endlich. Du bist dort und ich bin hier, ich gestalte jetzt mein Leben selbst, ich suche mir Menschen aus, die mir gut tun und lasse solche, die einen negativen Einfluss auf mich haben, hinter mir. Du warst so ein letzterer Mensch Mutter vor langer Zeit, damals konnte ich dir nicht entrinnen, heute bin ich selbstwirksam und mache meine eigenen Fehler. Du hast keine Macht mehr über mich, also lass endlich los. Kümmere dich um dein eigenes Seelenheil, auf dass Du weiterwachsen und mehr verstehen kannst. Adjeu!“

Das Lustige war, dass ich mit der Bahn grad in den Kurs fuhr, der ausgerechnet heute das Thema Humor und Ironie hatte. Ich hatte gestern bereits einige sinnige Zitate von bekannten Leuten zu diesem Thema rausgesucht und einige Witze der makabren Art (die liebe ich besonders). Und es wurde auch eine fröhliche Runde und wir haben kräftig und von Herzen über all die gesammelten Witze von jedem gelacht.

Danach saßen einige von uns noch zusammen und sprachen auch über tiefere Themen und jetzt sitze ich hier und auch dieser Tag scheint im Rückblick nun ganz ohne große Dramen.

Mut zur Entscheidung

„Mut zur Entscheidung heißt Mut zum Leben“ hab ich grad gelesen….

Ja, auch wenn wir uns nicht zu entscheiden wagen, entscheiden wir damit, denn dann werden wir ‚entschieden‘. Wenn wir nicht den Mut zur ’selbstwirksamen‘ Entscheidung haben, entscheiden andere über unser Leben, oder die Verhältnisse.

Mir fällt auf, dass das Blogschreiben und lesen von anderen Blogs, ja auch wie eine Bestätigungssuche ist, dass man auf dem richtigen Weg, oder das ängstliche Suchen „ob“ man auf dem richtigen Weg ist. Ja und es tut gut – sich bestätigt zu erleben auf seinem Weg, den man gewählt hat. Aber gibt es wirklich falsche Entscheidungen? Ich zweifle daran, denn wir machen so oder so auf jeden Fall Erfahrungen und lernen. Und ist das nicht das Wichtigste?

Gut, es gibt Entscheidungen, die im Rückblick zeigen, dass man mit einer anderen Entscheidung schneller dahin hätte gelangen können, wo man hinwollte oder hin kam. Aber Zeit ist relativ – und wer weiß schon ob der Umweg, den wir gemacht haben, nicht besser war, uns nicht noch mehr Erfahrungen einbrachte, die wir jetzt viel besser nutzen können auf unserem weiteren Weg – ja uns sogar dazu bewegen könnten, eine ganz andere weitere Entscheidung zu treffen, als die, die wir vielleicht gewählt hätten, wenn wir einen kürzeren Weg gegangen wären und diese ‚Lehren‘ verpasst hätten.

Mir kommt grad der Gedanke, dass wir vielleicht nur hier auf der Erde sind, um uns zu beschäftigen – (zu lernen) und bei dieser Beschäftigung nebenbei lernen, dass eigentlich alles relativ ist und wir eigentlich nichts müssen und /oder wir richtige Entscheidungen treffen sollten – denn das Einzige was wir wirklich lernen ist vielleicht – Erfahrungen zu machen. Und es im Grunde evtl. keine Rolle spielt – welche. Dass es, egal was wir tun, entscheiden, oder lassen – alles nur einem Zweck dient: „Sich in seiner Vielfältigkeit zu erfahren“ und dass es den Wert oder den Unwert, den wir Menschen, Dingen, Wegen, Entscheidungen, Seinsweisen, Lebensarten….. zuweisen, gar nicht wirklich gibt. Es nur um das Sein geht, um das uns erleben, als Teil eines Höheren, als winziger Teil eines Bruchstücks dieser Welt, des Kosmos.

Jetzt denken sicher einige Leser dieses Textes: Jetzt ist sie völlig irre geworden! Nein, vielleicht habe ich gerade ein winziges Fusselchen der Wahrheit erhascht.

Und wenn es tatsächlich so wäre?