Umschreibgeschichte 6

So, das ist die letzte Umschreibgeschichte, die ich hier veröffentlichen werde – aber natürlich werde ich weiter umschreiben…. denn ein Geheimnis von Veränderung ist, dass man dranbleiben muss – bis genug Neues sich etablieren kann.

Die Hässlichkeit

ist immer da für Amelie. Die Mutter erzählte immer wieder, wie krebsrot, faltig und hässlich die kleine Amelie war, als sie geboren war. Amelie saugt es auf, wie Kinder es eben tun.

Ja, sie war hässlich. Später als sie schon zur Schule ging und die Gemeinschaftsbilder der Klassen gemacht wurden – fand sie es bestätigt. Sie versuchte bei der Aufstellung zum Fotografieren immer möglichst hinten zu sein. Meist gelang ihr das auch, sie war in sämtlichen Klassen meist eine der Größten und standen in der hinteren Reihe dabei. Im Turnen immer die Größte, und das war fatal, weil sie als erste auch die Übungen immer vormachen musste. Meist endete das in Gelächter ihrer Mitschüler, denn sie schaffte es fast nie sich so zu konzentrieren, dass sie die Erklärungen der Sportlehrerin verstand. Da war es unvermeidlich es falsch zu machen und auch die zerrissene, nicht der damaligen Zeit angemessene Turnkleidung war Thema zum Gespött. Amelie kannte Scham in vielfältiger Weise, sie kannte wenig schamfreie Zonen in ihrem Leben. Sie spürte die Blicke der Nachbarn auf der Straße wenn sie zur Schule ging und zurück kam. Sie wusste, dass die Schreiereien, die aus dem Haus kamen, aus dem Mund ihres Stiefvaters, der viele unflätige Worte benutzte, die Nachbarn mitbekamen und sie schämte sich.

Im Wald schämte sie sich nicht, dort gab es keine eigenen Äußerlichkeiten, dort war sie so wie sie eben war. Die Tiere beurteilten sie nicht und es gab keine Spiegel und vor allem keine schlimmen, abwertenden Worte. Es gab für sie auch keine hässlichen Tiere oder Bäume, alles war in ihrer Natur einfach so wie es war.

Amelie bekam die abgelegten Sachen ihrer Schwester, die ja 6 Jahre älter als sie war. Die Farben auf den Kleidern waren ausgebleicht und bestenfalls geflickt. Lange hielten die  Kleider nicht bei ihr, selten blieben sie unversehrt auf den langen Streifzügen durch Wald und Flur und wenn man nur einmal die Woche ein neues Kleid anziehen durfte, so war das Kleid schnell verschmutzt und hatte Risse vom letzten Baumklettern, die natürlich gekonnt verborgen wurden vor Mutters Auge, die sonst wieder Ohrfeigen setzte und schlimme Worte sagte. In der Schule dann gelang es ihr nicht immer den Schmutz und die Risse zu verbergen. Wenn Amelie an die Tafel musste, hielt sie den Atem an, machte sich halbtot, denn sie wusste was jetzt kam. Zusätzlich zum „Nichtlösen der Aufgaben“ kam auch das Gelächter wenn die Lehrerin oder der Lehrer darauf hinwies, dass die Mutter wohl nicht nähen und waschen könne oder noch schlimmeres.

Ein hässliches Kind ist es nicht wert saubere, ordentliche Kleidung zu haben, das war Amelie längst klar. Froh war sie als die Neue in die Klasse kam. Roswitta hieß sie und hatte rotes Haar und war extrem dick. Sie wohnte in einem Bauernhaus und stank immer nach Kühe und Schweiß. Ihre Fingernägelränder waren sehr schwarz und auch sie trug alte, verschmutzte Kleider. Amelie lachte nicht mit über die Misslichkeiten dieser neuen Schülerin, aber sie war froh, dass der Fokus einmal nicht auf ihr lag, aber sie litt trotzdem mit, denn Roswitta spiegelte ihre eigene Scham und Hässlichkeit und den tiefen Schmerz.

Die Hässlichkeit und die Schönheit – Umgeschrieben

Die Mutter erzählt zu Hause von Amelies Geburt: „Du hättest sehen sollen, wie Amelie gleich nach der Geburt aussah. Sie war ganz rot im Gesicht, als sie zu Welt kam. Es war aber auch eine schwere Geburt, so lange musste sie kämpfen, man sah ihr die Anstrengung an.

So lernte Amelie schon von Geburt an, dass man kämpfen muss, um sich durchzusetzen. Und das tat sie auch! Sie wurde ausdauernd, mutig, gab nie auf, wenn sie sich einmal etwas vorgenommen hatte. Und sie war zäh. Eigentlich wusste sie immer genau was sie wollte und verfolgte dieses Ziel unnachgiebig. Diese Eigenschaften halfen ihr im weiteren Leben sehr, denn sie war in eine Zeit und in eine Familie hineingeboren worden, wo es nicht leicht war in dieser Welt. Aber genau das wollte sie, als sie beschloss hier auf diese Erde ihr Vorhaben umzusetzen. Sie wollte lernen, wie es ist in diesem herausfordernden Umfeld ihre Stärke zu entwickeln.

Ihre Schwester war 6 Jahre vorher in dieser Familie zur Welt gekommen und Amelie war ihrer Schwester kräftemäßig immer voraus. Das war auch leicht, denn die war das Gegenteil von ihr, fast in allen Punkten. Sie schwächelte gesundheitsbezogen von klein auf, war wenig widerstandsfähig und wurde von ihrer Mutter immer hochgepäppelt. Das war bei Amelie nicht nötig. Auch in der Schule setzte sie sich gegen ihre Klassenkameraden gut durch und war immer eine der Besten. Vor allem in Deutsch und beim Auswendiglernen war sie besonders gut. Sie schrieb gerne Aufsätze, die dann immer vor der Klasse vorgelesen wurden und die Jahreszahlen der geschichtlichen Ereignisse konnte sie sich sehr gut merken. Sport liebte sie, hatte großen Ehrgeiz darin beim Laufen immer alle zu überholen. In der Klasse war sie beliebt und tonangebend. Stolz brachte sie ihre Zeugnisse nach Hause und wurde sehr gelobt. Dank der guten Noten konnte sie später auch studieren. Sie studierte Psychologie und Medizin, denn sie wollte immer schon Menschen helfen. 

 

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