Umschreibgeschichte 4

Singstunde

Amelie blickt auf die Hände ihrer Mama. Sie betrachtet sie genau, die Furchen und Falten darauf. Fremd kommen sie ihr vor. Sie wird durch einen Schlag auf den Hinterkopf aus ihrer Betrachtung gerissen. „Warum singst Du nicht mit?“ Amelie bewegt vorsichtig die Lippen und die zweite Stimme kommt zaghaft aus ihrem Mund. Bei jedem falschen Ton bekommt sie einen leichten Schlag irgendwohin, auf die Schulter, den Kopf oder auf den Rücken. Amelie gibt sich Mühe und die Tränen quillen hervor und tropfen auf die Hand ihrer Mutter. „Was soll das? Du sollst singen nicht heulen“. Nun stoßen Schluchzer herauf und mit dem Singen ist es vorbei. „Geh in Dein Zimmer“ und zu ihrer Schwester gewandt sagt die Mutter: „Komm, nochmal von vorne, wir brauchen sie nicht, stimm nochmal ein C an.“

Amelie läuft weinend in ihr Zimmer, schmeisst sich auf das Bett. Aber sie erhebt sich schnell wieder. Sie nimmt ihre Puppe Berditta und schimpft sie: Du sollst nicht heulen, verstehst du!“ und gibt ihr einen Klapps auf die Ohren, dann herzt sie sie sofort wieder und meint: „Macht nichts Berditta, du kannst ja nix dafür, komm du kriegst jetzt Schokolade.“

Amelie versinkt in das Spiel mit ihrer Puppe und wiegt sie in ihren Armen.

4 Jahre

Singstunde umgeschrieben

Amelie blickt auf die Hände ihrer Mama. Sie betrachtet sie genau, die Furchen und Falten darauf. Fremd kommen sie ihr vor. Sie wird durch einen Schlag auf den Hinterkopf aus ihrer Betrachtung gerissen. „Warum singst Du nicht mit?“ Amelie bewegt vorsichtig die Lippen und die zweite Stimme kommt zaghaft aus ihrem Mund. Bei jedem falschen Ton bekommt sie einen leichten Schlag irgendwohin, auf die Schulter, den Kopf oder auf den Rücken. Amelie gibt sich Mühe und die Tränen quillen hervor und tropfen auf die Hand ihrer Mutter. „Was soll das? Du sollst singen nicht heulen“. Nun stoßen Schluchzer herauf und mit dem Singen ist es vorbei.

Da mischt sich von hinten die Großmutter ein, die einen Socken stopfend im Raum saß, und alles beobachtet hat: „Komm her Meli, du hast eine wunderschöne Stimme und kannst das schon sehr gut!“ Und zu ihrer Tochter gewandt sagt sie laut und deutlich: „So, lernt sie das nie, wenn du sie zum Weinen bringst! Erinnere dich wie lange es bei dir gedauert hat bis du die zweite Stimme zu singen gelernt hast und du singst manchmal immer noch falsch. Hast du schon mal was von Geduld gehört? Wie soll sie singen lernen, wenn sie vor lauter Schluchzen und Weinen zittert.“

Amelie kuschelt sich dankbar ganz nah an die Oma und das Weinen verebbt. 

Ja, ein Zeuge ist da geschaffen worden – in dieser Umschreibung. Einer der sich für Amelie einsetzt – ihre Verzweiflung wahrnimmt – einer, der mitkriegt, dass die Mutter lieblos ist und der sie verteidigt. Jemand, der aufzeigt was richtig und falsch ist, zurecht rückt bei dem kleinen Mädchen, dass es nicht tatsächlich unfähig ist zu singen, stattdessen bestärkt wird, dass es sehr wohl eine schöne Stimme hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.