Die Sucht nach spektulären Gefühlen

Ich fange an mich zu langweilen (nein nicht wirklich, denn wir sind ja häufig im ‚Ablenkungsmodus‘)….. die früheren Dramen sind irgendwie weggefallen. Therapie machen…. da war immer was los, immer Aufregung, immer alles in Bewegung, laufend ist Neues aufgetaucht – (in altem Gewande) – es hielt uns in Atem, wir rasten von einer Katastrophe in die andere – da war einmal wieder ein Fizzelchen Hoffnung und dann im nächsten Moment wurde sie zerstört – ein ständiges Auf und Ab.

Zu Hause in der Kindheit war es genauso – wir hatten keine ruhige Minute (so sagte damals vor 40 Jahren eine Astrologin anhand meines Horoskop schon – und ich gebe ihr recht). Wir waren ständig auf der Flucht – vor Schlägen, vor erwischt werden, vor dem Stiefvater und all seinem Bedrohungspotential, vor meiner Mutter und ihrem lieblosen Blick, vor erniedrigenden Worten, vor meiner Schwester, die mich ständig piesackte, vor den endlosen Pflichten, wie Haushalt, abspülen, Unkraut jäten, Holz holen, auf dem Feld arbeiten, Schule gehen, brav sein….

Dagegen gesetzt hatte ich Abenteuergeschichten lesen, stundenlang im Wald stromern, mit den Elfen, Engeln und imaginären Freunden reden, Schule schwänzen, Widerworte geben, davonlaufen, träumen, ausweichen, alles verheimlichen, stehlen, lügen, verdrängen – Widerstand auf der ganzen Linie, das machte kreativ.

Es war immer was los, auch nach dem Tod meiner Mutter, in den Heimen, immer gab es Stunk mit mir, überall wollte man mich zwingen ’normal‘ zu sein. Es gelang nie – obwohl ich es manchmal sogar wollte – ja und wie, aber umsonst – ich war halt nicht normal – und selbst wenn ich es mal schaffte nicht aufzufallen – ich wollte es nicht – dieses Normal. Es passte einfach nie auf mich.

Es ist meine zweite Natur geworden (oder meine Erste) immer in Habachtstellung, gleich passiert wieder was Schlimmes, pass auf, gleich gehts wieder los….. wir waren immer bereit für die Schrecken, die uns gleich ereilen würden, die Horrors, die uns das Fürchten lehrten, die Damoklesschwerter schwebten immer über uns, der Adrenalin-Spiegel ständig hoch, keine Entspannung….. das war unser Leben von klein auf.

Kein Wunder, dass wir in ruhigen Zeiten – innerlich unruhig werden – wir kennen und kannten es nicht – so etwas gab es nicht. Das Window of Tolerance  (hier wird es von Dami Charf in einem Video sehr schön erklärt) wurde nur so lange angenehm empfunden, solange wir uns ganz dringend erholen mussten vom letzten hochgedrehten Zustand. Oder wir blieben eben im Hypoarousal und erholten uns im abgestellten Zustand (Depression).  Auf und nieder immer wieder – das passte zu uns. Schon als Kind sagte man uns nach, dass wir himmelhochjauzend und zu Tode betrübt im Wechsel waren.

Es gibt ja sogar den Begriff Hyperarousal-Junkie. Diesen übererregten Zustand (den Leute mit DIS und Co. sehr gut kennen) – hält der Körper (und wahrscheinlich auch die Seele) nur begrenzt aus, deshalb rutschten wir auch regelmäßig in den Zustand der Depression und Ausweglosigkeit (damit hilft man sich, denn da muss man nichts mehr tun, es ist ja aussichtslos – so kann sich der Körper wieder in Ruhe bringen).

Depression ist unsere andere Natur – in der wir kein Land mehr sehen, wo Hilfe nicht mehr zugelassen werden kann, wo Aktion sinnlos wäre. Irgendwo habe ich gelesen, dass hinter der Depression die Angst steht und hinter der Angst die Wut. Wir können uns wochenlang im Deprizustand aufhalten und uns verlangsamt und schläfrig durch die noch  verbleibende hoffnungslose Welt bewegen.

Doch irgendwann kehrt ‚Das-Leben-Wollen‘ wieder zurück, meist durch ein von Außen angestoßenes Geschehen….. es ist dann eine Art Erwachen – und von jetzt auf nachher beginnt der Tanz wieder von neuem. Ob es wohl UNOs ähnlich geht?

Vermutlich nicht – oder die Schwankungen sind nicht so stark.

Die Lösung liegt wohl wie immer in der Mitte – nicht an den extremen Polen….. die Mitte aushalten, sie anders bewerten, das Hochdrehen vermeiden damit die Stürze ins Nichts nicht so tief werden …. Das Wissen anwenden, dass wir „Extremisten“ sind und es so nie wirklich vorwärts gehen kann – immer nur auf und ab. Dass wir es aushalten lernen (wollen) dass diese ach so langweilige Mitte (weil wir sie nicht kennen, diese Art zu leben) eigentlich ein freundlicher Zustand ist, indem wir uns neu kennenlernen könnten (dürfen) … den Zustand „normal(er)“ anders als verachtenswert zu betrachten. Gut dann sind wir nicht mehr so ‚besonders‘ – bekommen vielleicht nicht mehr diese Aufmerksamkeit von der Welt…. aber wir könnten uns vielleicht selbst mehr Aufmerksamkeit schenken – sind weniger angewiesen auf die von Außen. Vielleicht hat das auch seinen Reiz „gesund! zu sein (zu werden) trotz allem! 😉

2 Gedanken zu “Die Sucht nach spektulären Gefühlen

    • Das freut mich, wenn Du da auch bei Dir selbst Ähnlichkeiten erkennen kannst 😉 Nun, ja Erkennen ist noch nicht die absolute Lösung oder ? Die Konsequenzen aus solchen Zusammenhängen zu ziehen und danach leben sind weitaus schwieriger 🌺

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