Unzufriedenheit

wahrscheinlich ist Unzufriedenheit allen Menschen bekannt und bei allen unbeliebt.

Vielleicht weil Sonntag ist heute und da immer meine geliebte philosophische Sternstunde läuft – heute war das Thema „Sind Frauen, wenn sie keine Kinder bekommen – keine richtigen Frauen?“ fällt mir meine latente Unzufriedenheit auf.

Doch das kann nicht der Grund für meine derzeitige Unzufriedenheit sein, denn das war vielleicht die einzige gute Entscheidung, die ich je getroffen habe und an der ich am meisten gelernt habe, indem ich sie verantwortungsvoll versucht habe zu erfüllen. Ob es eine gute Entscheidung war im Hinblick auf meine Tochter oder die Weitergabe meiner Gene (schließlich habe ich z.B. die Anlage zur Migräne von meiner Mutter auf sie weitergegeben), das kann nur allein meine Tochter beantworten. Ich denke aber für die Welt war es eine gute Entscheidung: ein Mensch mehr, der kritisch und umweltbewusst und tatkräftig im Leben steht.

Diese Unzufriedenheit muss woanders herkommen…. Es geht mir doch gut! Oder nicht? Diese Frau im Fernsehen heute, sagte heute, sie war in ihrer ersten Ehe sehr unglücklich – sie fühlte sich wie tot in dieser Beziehung und nach der Scheidung fühlte sie tiefen Schmerz und litt heftig – ABER es war der richtige Schmerz – er passte zu ihr – sie erkannte ihn als ihren, das ist eine andere Form des Schmerzes – sich tot zu fühlen war nicht ihr Schmerz, er passte nicht zu ihr.

Gibt es also einen passenden Schmerz? Brauchen wir einen passenden Schmerz, der zu uns passt, ist der leichter erträglich? Für mich sind solche Fragen wichtig um mich besser kennenzulernen. Als ich noch in Therapie war litt ich sehr, aber dieser Schmerz, war nicht annehmbar – gehörte er zu mir? Nein, ich konnte diesen Schmerz aus meiner Vergangenheit, nicht annehmen, es war nicht meiner – er wurde von anderen verursacht. Vielleicht deshalb wollte ich ihn auf jeden Fall loswerden, wollte ihn nicht an mich heran lassen, ihm nicht Macht über uns gewinnen lassen – es war nicht meiner, für den war ich nicht verantwortlich.

Aber diese Form von Schmerz gab mir die Gewissheit, dass es nicht meiner war, diese Wiederholungen alter schmerzvoller Situationen aus meiner Kindheit, fühlte ich deutlich, dass er nicht zu mir gehörte. Mein Schmerz (und gehörte der wirklich zu mir?) war der: als Kind ganz auf sich gestellt zu sein, keinen Verteidiger zu haben, keinen der mich liebte und annahm, keinen der sich für mich einsetzte…. Das ist der Schmerz der zu mir gehört und ich glaube, er kann niemals aufgelöst werden durch eine andere Person die mich liebt,oder durch einen Therapeuten, nicht durch viel Geld haben, nicht durch so tun als gäbe es ihn nicht….. Wodurch aber dann? Oder ist das nicht möglich – durch nichts?

Jedenfalls könnte diese Unzufriedenheit durchaus durch diesen Schmerz, der nicht zu mir gehört, ausgelöst worden sein – weil er untergründig noch immer da ist. Wenn ich in Aktionismus verfalle – bin ich selbst verantwortlich, denn die Aktion habe ich per Entscheidung selbst herbei geführt und wenn da was schief läuft, so kann ich mich ärgern oder muss die Konsequenzen tragen, aber das ist lösbar und bewältigbar. Das wäre zumindest eine Erklärung, warum immer dieses Hin- und Her entsteht: Der Wunsch den alten Schmerz loszuwerden (z.B. in Therapie) und die Befreiung durch die Aktion, diesen neu ausgelösten alten Schmerzes nicht mehr erleiden zu müssen.

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Unzufriedenheit

  1. Welch interessante Überlegungen, Pollys.
    Ich konnte bereits mit Beginn der Teeniezeit erkennen, dass mir „schmerzvolle“ Gefühle sehr wichtig waren – vorallem als Alternative zu einer „unbeschwerten“ Kindheit bzw. Jugend.
    Meine Eltern waren sehr jung als ich kam, und bald schon fanden sie es weit angenehmer mich in die Obhut der Grossmutter zu übergeben. Um die Verantwortung los zu werden? Wieder frei zu sein“ Keine Ahnung!
    Zweifellos hinterliess es aber bei mir einen Schmerz des „Nichtgewolltseins“, der vermutlich deshalb zustande kam, weil ich meine Grossmutter immer wieder sagen hörte, wie froh meine Eltern doch sein können, dass es sie gibt, dich sich für das Kind aufopfert.
    Hmm – das hörte sich nicht gut an für mich – erinnere ich mich, obwohl ich es wirklich gut hatte bei ihr.
    Na wie immer auch, als ich 11 war bekamen wir einen Fernseher, und in den 60ern liefen ja Unmengen an Filmen mit Herzeleid, Sehnsucht und Verlassenwerden.
    Und ich erinnere mich, dass ich mich in diesem Schmerz gut gefühlt hatte. Das Brennen im Herzen war viel leichter auszuhalten, als diese „Leere“, die ich seltsamer Weise immer spürte.
    Meine Oma kochte und putze und wusch und bügelte für mich, doch in mir drinnen war immer eine sehr schwer erträgliche Leere, die ich schon als Kind auszufüllen versuchte, indem ich oft mehrmals in der Woche in eine Kirche ging, um zu beichten. (Ich wuchs katholisch auf, denn meine Grossmutter hat niemals das Judentum aus unserer Familie erwähnt).
    Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dem lieben Gott nicht zu gefallen – soviel Angst hatte ich, dass er mich dann nicht mehr lieb hat.
    Und noch heute fühle ich mich nur wirklich authentisch, wenn ich mich wegen irgendwas kränken kann. Weil es das einzige Gefühl ist, dass diese Leere in mir ausfüllt.
    Und doch träumte ich wohl die ganzen 66 Jahre bis zum heutigen Tag von nichts anderem, als einfach nur ein einziges mal wirklich glücklich zu sein.
    Was sind wir Menschen doch für seltsame Wesen 😆

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    • Ja, seltsam mutet das schon an. Dennoch – eigentlich nicht – denn es sind die Heimatgefühle (nicht die Sehnsucht zu Gott zurückzukehren diesmal) sondern, die Gefühle die wir als Kind kennengelernt haben, die wir gewohnt sind aus der Kindheit, die uns vertraut sind…. Und was für eine größere „Entwertung“ mag es für ein Kind sein, dass nicht die eigenen Eltern es aufzogen, diese Verantwortung nicht übernehmen wollten obwohl sie Dich doch gezeugt hatten. Das sitzt tief und wurde von Deiner Oma noch mehr zementiert und deshalb hattest Du das Gefühl, dass es nix Gutes war, so wie sie es formuliert hat. So wie Du es formuliert hast, dass sie nur äußerlich für Dich „gut“ sorgte (so mangelte es wohl doch an Liebe und Zugewandheit und Mitgefühl und Einfühlung, was die damalige Wesensart Deiner Oma, wohl auch auf Deine jungen Eltern abgefärbt hat – so setzen sich die Seelenverletzungen von Generation zu Generation fort – ohne dass sie es merken.) In der früheren Zeit wo unsere Eltern noch zu Kriegszeiten aufwuchsen, war meist nur noch die Kraft da für das Notwendigste – eben Versorgung.
      Eingehen auf ihre Gefühle lernten sie meist nicht kennen, es ging ums überleben.

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