Ein Ausweg?

Auf den letzten Beitrag schrieb Vergissmeinnicht u.a. einen Kommentarsatz: „Wo ist der Ausweg?“ Das hat bei mir viel ausgelöst.

Und wenn ich ehrlich bin, ich suche und suchte viele Jahre lang einen Ausweg aus meinem Miseren, die mit meiner Vergangenheit zu tun haben. Oft glaubte ich; dies ist jetzt aber der Ausweg. Er war es nie- oder doch?

Ist die ständige Suche, das Nichtaufgeben, das Dazulernen, die steten Erweiterungen des Denkens, durch das Beleuchten und auch neue Gedanken und Bewertungen vornehmen, nicht schon eine Form des Ausweges? Lernen wir da nicht so nebenbei, uns zu verändern – kaum merklich – in kleinen Schritten?

Unzweifelhaft bin ich nicht mehr dieselbe z.B. wie vor 5 Jahren nach dem Unfall – mit 3 gescheiterten Therapien in diesem Zeitraum müsste es mir eigentlich schlechter gehen oder immer noch genauso schlecht. Ich bin zurückgekehrt zu (früher bereits aufgenommenen) Themen, die mir mehr Selbstwirksamkeit ermöglichten und ich habe ein breiteres Denkspektrum gewonnen, einen Zugewinn. Ich kann mutig aus der gewohnten Denke mal aussteigen, die alten Denkweisen mal auf den Prüfstand stellen, um vielleicht einen anderen Blickwinkel zu bekommen.

Zugegeben an meiner Vergangenheit hat es nicht viel verändert, die neuralgischen Punkte sind noch dieselben. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern, niemand kann das, aber ich kann die Bewertung darüber ändern, ich kann einen anderen Umgang damit pflegen, ich kann versuchen, diese unumstößliche Vergangenheit mehr akzeptieren, mehr annehmen, vielleicht auch einen neuen Sinn darin erkennen, meine wirkliche Stärke in und durch alles was ich erlebt habe anerkennen. Oder ich kann die Diagnose links liegen lassen, mich nicht groß damit beschäftigen, denn im aktuellen Leben wird sich sowieso alles bemerkbar machen, was noch hinderlich ist, wo ich meinen Fokus noch darauf richten muss. Da bleibt dann immer noch Zeit, sich damit zu beschäftigen, falls es nötig ist. Vielleicht habe ich aber auch schon ganz vieles erledigt, bearbeitet, verarbeitet, hinter mir gelassen und habs gar nicht bemerkt vor lauter Ausweg suchen.

Wir waren schon als Kind sehr tapfer (und Ihr, die Ihr das lest sicher auch, haben immer unser Bestes gegeben, das bleibt – und später ja auch) warum sollten wir jetzt damit aufhören? Wir können nur unser Bestes auch jetzt geben, tun was wir können: Leben, so gut wir trotzallem eben können. Weitermachen – aufgeben ist nicht drin, das wollen einige von uns einfach partout nicht, kommen wir nicht dagegen an, trotzdem schon lange welche von uns müde sind und das Gefühl haben: es ist alles für die Katz.

Wir sind halt Viele, und unsere Innenintentionen sind ebenso vielfältig und nicht übereinstimmend – sogar den UNOs geht es so – wie ich allseits beobachte. Auch UNOs leiden, vielleicht sind die auch viele, nur noch nicht erkannt so wie bei mir. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Leid eines Unos und einem DIS? Vielleicht leiden UNOs u.U. sogar mehr – habt ihr daran schon mal gedacht? Sie kriegen kein Mitleid, die sprechen vielleicht gar nicht von ihrem inneren Leid – oder sie haben es abgekapselt und merken gar nicht was es in ihnen anrichtet (so wie es die Überlebenden aus dem KZ so oft getan haben – sie redeten nicht drüber. Die waren mit Sicherheit keine DIS, entsteht ja nur in der Kindheit. Was haben die alles durchlitten – unvorstellbar und weils sie UNOs sind haben sie weniger gelitten?). Dieser Wettlauf des Leidens – wer hat mehr gelitten… das ist nicht gut. Und Verdrängung geschieht doch auch nur aus höchster Not.

Sollten wir also unser Leid einfach relativieren? Wissen wir wirklich mit Gewissheit, dass andere, nur weil sie nicht solche Schrecklichkeiten in der Kindheit erlebt haben, dass sie weniger leiden? Haben wir Gewalterfahrenen wirklich ein Monopol darauf, dass wir besonders viel leiden? (Ja, ich weiß, mit solchen Frevelgedanken, kratzen wir an einigen Tabus, bedenkt dieser Blog ist jenseits von Therapie, oder sagen wir, die erfolglosen Therapieversuche brachten mich erst auf diese Gedanken) Nein, wir wissen nicht wie sich ein Kind fühlt, das mit materiellen Dingen überhäuft wurde, das Eltern hatte, die nicht lieben konnten, weil ihr Gott der „Mamon“ war. Es wächst ohne Liebe auf und das ist furchtbar und existenziell (Ich habe jedenfalls noch nie mit denen tauschen wollen). Wir wissen nicht wie es sich anfühlt wenn ein Jugendlicher sich einer rechtsextremen Gruppe anschließt, weil er nie in seinem Leben Freunde hatte, überall nur ausgegrenzt wurde in seiner Kindheit, um sich endlich zugehörig zu fühlen…… 1000 Beispiele könnte man hier anführen. Wir wissen nichts über deren Leid! Und da sind auch noch die Menschen, die jahrelang in Kriegswirren, zwischen Leichen leben, die obdachlos sind, die die Hungern, die mitanschauen müssen wie ihre Kinder verhungern…. Wer hat nun das größere Leid?

4 Gedanken zu “Ein Ausweg?

  1. Wir kennen es ausgegrenzt zu sein. Wir kennen es ebenfalls ohne Liebe leben zu müssen – als Kind.
    Wir wollen Leid aber nicht vergleichen!
    Jeder der leidet, dem geht es echt schlecht! PUNKT. Da muss man nicht auf andere schauen und sagen, denen geht es schlechter. Dies ist lediglich ein Versuch vom eigenem Leid abzulenken, es klein zu machen um es besser zu ertragen.

    Was soll das bringen? Und was hat das nun mit dem Ausweg aus dem Leiden zu tun? Nur weil ich sage, anderen geht es schlimmer, geht es mir deswegen doch nicht besser.

    Und zu suchen nach einem Ausweg ist immer noch nicht der Ausweg selbst. Den hat man erst, wenn man ihn gefunden hat. Also so in einem Labyrinth zum Beispiel. Man sucht die ganze Zeit und dreht sich dabei vielleicht nur im Kreis. Man sucht und ist doch auf dem Irrweg. Man sucht immer neue Möglichkeiten, aber am Ausweg ist man erst wenn man den Ausgang tatsächlich erreicht. Und den gibt es. Es gab ja auch einen Eingang…
    Während man sucht lernt man immer dazu, zum Beispiel was der falsche Weg ist. Man merkt vielleicht, hier war ich schon, und links ging es nicht, also geh ich rechts. Man ist im Bewegung, aber Bewegung ist nicht das Ziel. Der Weg ist nicht das Ziel, im Gegenteil zu den Aussagen der Therapeuten. Das Ziel ist der Ausgang, der Ausweg. Wie auch immer er dann aussieht…
    Außer, man ist zum Spass in das Labyrinth rein, mit einem Sicherheitsfaden oder einem Notfall Handy unterwegs, damit man zumindest zu Not den Eingang wieder erreicht oder raus geholt werden kann. Denn dann ist der Weg das Ziel, der Spaß und die Aufregung, die man dabei hat. Aber man ist immer sicher, braucht nicht in der Nacht zu erfrieren, zu verdursten oder verhungern…

    Wir wollten nie in dieses schier unendliche Labyrinth hinein. Ich will raus, aber ich irre seit Jahrzehnten hier drin rum. Wo ich auch geh, dauern ist es verkehrt, dauernd Hindernisse. Manche kann man umgehen, andere besteigen, einige sind gar unüberwindbar. Ich will hier aber nicbt irren, ich will endlich raus und meine Ruhe haben. Im Warmen sein mit genug Nahrung und Wasser. Ausruhen.. Und wenn ich wieder bei Kräften bin, will ich lieber auf offenen Wiesen laufen und nie mehr durch solche Labyrinthe durch müssen. Aber man nat mich hinein gestossen! Und das auch noch mit verbundenen Augen! Ne, danke auch.
    Rausholen tut mich auch keiner, egal wie sehr ich nach hilfe schrei. Jeder der hier rein geht verläuft sich selbst, also gehen die nur so klein bissel mit der Nase rein, merken sich jeden Schritt, sind aber doch überfordert damit und gehen lieber schnell zurück, bevor sie selbst nicht mehr herausfinden.

    Auf unserem Weg haben wir zumindest andere gefunden, die hier auch rum irren und suchen. Wir mögen sie, tauschen uns aus, schenken uns Mut und Hoffnung. Wir wissen den Ausweg alle nicht, aber wenn wir zusammen suchen, dann ist es leichter…

    Gefällt 4 Personen

    • Ich wollte mit diesem Beitrag keinesfalls Leid vergleichen – im Gegenteil – ich wollte meine Gedanken hier einbringen, dass dieses ‚besondere‘ Leid der DIS-Leute – das in den Blogs irgendwie immer heraus scheint – mal in Frage stellen. Und Deine Frage Vergissmeinnicht: was das mit einem Ausweg zu tun hat ….. viel m.E. und dazu kann ich nur meine Gedanken formulieren (ohne anderen was vorzuschreiben), dass ein Ausweg vielleicht ist, dass wir uns nicht länger als besondere Opfer sehen und glauben, dass wir besonders leiden. Jedes Leid ist Leid zuviel. Ich will auch kein Opfer mehr sein und warten müssen bis jemand von Außen mein Leid anerkennt (da wartet man eh bis man schwarz wird, denn jeder sieht sein eigenes Leid (DIS oder UNO egal wer) als sein größtes Leid an und das ist es auch. Und freiwillig leidet gar keiner! Jeder wird blind in sein Leid gestoßen, keiner macht das freiwillig. Ja Gemeinsamkeit hilft besser zu ertragen, und gemeinsam einen Ausweg zu suchen schenkt Hoffnung, aber letztlich muss jeder mit seinem Leid zurecht kommen, ganz allein, für sich eine Lösung finden, wie er damit klar kommt. DIS oder UNO.
      Auf offenen Wiesen laufen…. das hast Du schön ausgedrückt…. ja das will wohl jeder – keiner kam hierher auf die Erde und wusste bereits die Lösungen im Voraus zu den schmerzenden Herausforderungen. Und um was total ‚plattes‘ hier zu zitieren, aber m.E. doch richtig: Vielleicht ist der Weg das Ziel.

      Gefällt 2 Personen

  2. Interessante Gedanken,aber lässt sich Leid überhaupt vergleichen? Denn ich denke,egal ob Viele oder nicht, für jeden ist seine Last die er zu tragen hat , schwer und groß.

    Gefällt 1 Person

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