Rückblick

Je länger es nun zurück liegt, dass ich diese seltsame Therapie hinter mir ließ, desto klarer wird mein Blick und ich frage mich tatsächlich – wo ich wohl da hingeraten bin mit meinem Irrweg unbedingt Therapie machen zu wollen, dort die einzig wahre Lösung zu suchen.

Vor einigen Wochen schrieb mich eine Viele-Frau an – privat – nicht über den Blog. Sie war bislang stille Leserin meines Melinas-Blog und des neuen. Sie schrieb mir weil sie mich auf meinen neuen Weg bestärken wollte (sie hat auch viel Therapie gemacht, die schief gegangen ist.

Ich zitiere sie – weil ich ihre Sichtweise sehr, sehr interessant finde und sie mit Euch teilen möchte:

„….Wir sind schließlich ebenso wie Du zu dem Schluss gelangt, dass die klassische Therapie nichts für uns ist. Wir glauben, dass sie nur Menschen helfen kann, die in der Kindheit auch positive Erfahrungen mit der Mutter oder anderen erwachsenen Bezugspersonen gemacht haben. Das war bei uns nicht der Fall. Daher haben sich im Gehirn keine „Rezeptoren“ entwickelt, an die die klassische Therapie andocken könnte. Unsere Grunderfahrung früher war die, dass jeder Erwachsene, der sich näherte, Täter war, Mittäterin oder uns zumindest verletzt hat. Therapie als ein ungleiches Verhältnis mit einem Machtgefälle hinter geschlossenen Türen bringt daher nackte Angst und Verzweiflung nach oben. Und unerfüllte Liebessehnsucht des kleinen Kindes, die in therapeutischen Beziehungen ebenfalls unerfüllbar ist, da die Therapeutin sich nicht wirklich auf eine echte Nähe und dauerhafte Bindung einlässt. Darf sie gar nicht, es würde als unethisch gesehen.
Klassische Therapie versetzt uns also tatsächlich wie ein Sog in die schrecklichen Erfahrungen von früher zurück, ohne diese zu heilen. Und das braucht kein Mensch. Unsere Innenpersonen sagen heute klar, dass sie keine therapeutischen Experimente mehr wollen. Wir sind aber ziemlich überzeugt von unserer Selbstwirksamkeit, da wir so vieles schon selbsttätig bewältigt haben. Wir sind dabei oft Wege gegangen, die quer lagen zur klassischen DIS-Therapie. So hatten wir zum Beispiel auch unsere „Grünlinge“. Doch wir haben mit dem „Feind im Inneren“ nie den respektvollen Dialog gesucht, sondern diese Wesen als verlängerten Arm des Täters gesehen und ihnen einen langen Kampf geliefert. Schließlich hat unser System beschlossen, dass unsere Psyche kein Tummelplatz für Ungetüme ist (sie kamen nie in menschlicher Gestalt daher), und sie rausgeschmissen bzw. in die Hölle verbannt, wo sie hingehören. Wenn sich selten doch nochmal eins blicken lässt, handeln wir sofort und schicken es dorthin zurück. So stark sind wir mittlerweile, unsere Psyche gehört uns und nicht dem Täter. Und es geht uns überhaupt recht gut. Draußen wird es Frühling und innen ist auch Frühling….
Wir glauben, dass der Schlüssel zur Überwindung traumatischer Kindheitserfahrungen die Überwindung der damit einhergehenden früh- oder kleinkindliche Hilflosigkeit und Ohnmacht ist. Für manche Menschen mit DIS mag dies in Therapien geschehen. Um ehrlich zu sein, gibt aber das, was andere Betroffene im Internet schreiben, wenig Grund zu der Annahme, dass die Therapien wirklich wirken. Eher scheinen sie das Gefühl der Hilflosigkeit und Selbstunwirksamkeit oft noch zu verstärken, in Abhängigkeiten zu führen und die Patienten in qualvolle innere Widersprüche und Konflikte zu verstricken.
Auf der einen Seite entwickeln diese in DIS-Therapien extreme Vorstellungen dessen, was ihnen irgendwelche Täterkreise alles angetan haben, auf der anderen Seite glauben sie selbst nicht, dass sie dies alles wirklich erlebt haben. Wir hatten noch nie Probleme damit, uns selbst zu glauben, und in den letzten 30 Jahren keine größeren Zweifel daran, dass wir in der frühen Kindheit gewaltsam missbraucht worden sind. Wir hatten einige Berührungen mit der DIS-Szene, u.a. auch über eine Selbsthilfegruppe. Aber wir stehen dieser Szene ambivalent gegenüber: Einerseits sind es die Menschen, die uns am ähnlichsten sind. Andererseits ist es eine Subkultur, in der jede noch so bizarre Empfindung und jedes exzessive Leiden schon wegen kleinster Kleinigkeiten erlaubt ist: „Ich bin schwer traumatisiert und Viele, daher darf niemand irgendwas von mir verlangen oder erwarten, dass ich irgendwas hinkriege.“
Wir hatten auch bizarre Empfindungen und sind durch ganz viel Leiden hindurchgegangen, aber den Luxus, nicht mal die einfachsten Alltagsdinge zu bewältigen, haben wir uns nie zugestanden. Wir kamen ganz lange überhaupt nicht auf die Idee, dass Alltag und Traumaverarbeitung gleichzeitig nicht zu schaffen sein könnten. Und so haben wir zu der DIS-Szene in Bezug auf ihre Therapiegläubigkeit und – wie wir meinen – Kultivierung von Hilflosigkeit einen Grundwiderspruch. Andererseits war unser Weg aus dem Trauma ein sehr langer und steiniger und wir wollen es nicht ausschließen, dass jüngere Frauen mit DIS über Therapien schneller zum Ziel kommen…“

Das ist starker Tobak, und wäre ich noch in dem Irrglauben gefangen, dass ich alleinig durch Therapie „geheilt“ werden könnte (und noch immer in Therapie, wäre ich empört). Wie gut, dass sie mir erst schrieb, als ich den ‚Pollys Weg ohne Therapie – Blog‘ schon eine ganze Weile führte. Vorher wären die Botschaften, die sie mir mitteilte mit Garantie weggeklickt worden und ich hätte sie nicht überprüft.

Wir hatten seit dieser ersten email weiteren Kontakt in dem wir uns noch weiter unterhielten.

Jetzt bin ich aber neugierig….. 😉

2 Gedanken zu “Rückblick

  1. Liebe Melinas,
    Wir können mit unserem Wissen über Therapien VOR unserer jetzigen diese Ansichten sehr nachvollziehen. Auch wir waren schon auf diesem Weg, dass es immer nur schlimmer wurde mit Therapie. Ob ich jetzt die Analyse zur Gänze teile ist nebensächlich, aber ich erkenne etliche Ansätze an den Folgen von missglückten Therapien aus eigener Erfahrung. …… Dass Therapien schwächen, ohja, das haben wir erlebt vor unserer jetzigen Therapie. ….. Wir wissen aber, dass wir diese Thera und auch eine Sozialarbeiterin brauchten, um langsam Sozialkontakte aufbauen zu können bzw. lernen zu können, wie das geht, denn davor waren wir entweder unter Tätern oder vereinsamt. Es kommt so sehr auf die Therapeutin an. Aber es gibt zu viele die in Abhängigkeit führen, statt die Selbstwirksamkeit der Klientin zu fördern, das ist eine sehr traurige und erschütternde Wahrheit. Zu viele Therapeut*innen leben ihre psychischen Probleme auf Kosten der Klientin aus, da stimme ich zu.
    Ein starker Text und sicher eine starke Frau dahinter.
    ….. Was ich aber zu bedenken gebe ist, dass ich schon so viele Jahre Therapie mache und auch die missglückten irgendetwas an Selbstwirksamkeit für uns brachten. Und wir sind schon über 52 Jahre alt und viele der zweifelnden sind vielleicht noch jung? Ein Blog, den ich mit Mitte 30 geschrieben hätte, wäre ein Abgesang des Elends geworden. ….. Allerdings haben wir innen auch irgendeine Blockade, dass wir uns nicht in solches Elend fallen lassen dürfen/können, weil es uns schadet. Das ist ein großes Glück oder Talent oder so?
    Danke für deinen neuen Blog und die interessanten Zugänge. Wir haben schon viel mitnehmen können von diesem doch noch jungen Blog.
    Ganz herzliche Grüße 🌷
    „Benita“

    Gefällt 2 Personen

    • Danke, dass Du dazu eine Meinung hast und irgendwie ist mir auch klar, dass Leute, die mittendrin in einer Therapie sind daran nicht wirklich interessiert sind. Ich dachte auch schon, dass vielleicht Neue dazu kommen, die auch viele schlechte Erfahrungen gemacht haben mit Therapie und Therapeuten. Und ja ich dachte auch, dass so zu denken – in der Tat – sehr starke Menschen sind – aber ich dachte auch, dass alle die so eine Vergangenheit wie wir haben, doch eigentlich sehr stark sind (trotz allem) weil dazu viel Stärke gehört all das zu überleben. Aber ich denke auch an die Zeit vor 5 Jahren – nach meinem Unfall, wo ich mich so schwach fühlte, dass mich nur noch Therapie retten kann, weil ich mich völlig selbstunwirksam gefühlt hatte. Aber Du hast sicher recht, dass in so einem Fall dann erst recht wieder die Selbstwirksamkeit aufgebaut werden muss, da wäre Therapie angemessen in so einer Richtung. Aber bei mir ist keine Stabilisierung passiert – in all den 3 Scheitertherapien nicht – im Gegenteil. Du hast sicher recht, dass es schwer ist eine wirklich gute Therapeutin zu finden, die einen stützt ohne dass man vollständig den Bach runter geht und womöglich in Selbstmord endet. Man hört und liest immer wieder, dass jemand trotz (oder wegen ?) Therapie sich das Leben nahm.
      Ja und da geht es mir wie Dir – dass ich aus jeder misslungenen Therapie sehr viel mitgenommen habe – eben diese Erfahrung, dass ich auch die üblen Therapeuten (unfähigen, erneut traumatisierenden) überleben kann und das weil ich stark bin und mich auf meine Kraft verlassen kann. Und ich glaube es ist doch vorzuziehen das Leben aus eigener Kraft zu gestalten und rechtzeitig zu bemerken, wenn uns andere schaden und wir das ‚Talent‘ haben uns nicht völlig aufzugeben.
      Ja, ich hätte den Blog auch Selbstwirksamkeitsblog nennen können. Danke für das schöne Feedback!
      Liebe Grüße Melinas und Co.

      Gefällt 2 Personen

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